
„Haben Sie Halsschmerzen?“ Hauptmann Lauck sah den Oberleutnant der Fallschirmjägertruppe verdutzt an. Das Dröhnen der Motoren war unerträglich und er war sich nicht sicher, ob er den jungen Offizier richtig verstanden hatte. Er beugte sich zu ihm rüber. „Halsschmerzen?“ Der Oberleutnant grinste und machte mit seiner Hand eine Bewegung als ob er sich den Hals reiben würde. Jetzt fiel bei Hauptmann Lauck der Groschen und lachte. „Nein, da kann ich Sie beruhigen. Freiwillig bin ich nicht in dieser Maschine.“ Der Oberleutnant nickte und kümmerte sich wieder um seine Männer. Hauptmann Lauck sah wieder aus dem Fenster und sah unter sich das Mittelmeer. Nur wenige Meter über den Wellen flogen zwei Dutzend Ju52 im Tiefflug auf die afrikanische Küste zu.

Vor nicht einmal 48 Stunden hatte er noch in einem großen Büro in Rom gesessen als kleines Rädchen im Getriebe des Oberbefehlshabers Süd. Großes Büro, großer Schreibtisch und von seinem Balkon hatte er eine fantastische Aussicht auf das ewige Rom gehabt. 48 Stunden können reichen, das Leben eines Menschen von Grund auf umkrempeln. Denn vor zwei Tagen kam die Meldung, dass amerikanische und britische Truppen in Casablanca, Oran und Algier gelandet waren. Feldmarschall Kesselring und allen Offizieren im Stab war die Intention dieser Operationen klar. Der Feind wollte der Panzerarmee Afrika in den Rücken fallen. Der Zeitpunkt dieser Landungen konnte nicht unangenehmer sein, denn Rommel war auf dem Rückzug. Verfolgt von Montgomerys 8. britischer Armee und geknebelt von permanentem Nachschubmangel, wichen die deutschen und italienischen Verbände immer weiter nach Westen zurück.
Gestern nun wurden erste Gegenmaßnahmen eingeleitet. In Italien und Südfrankreich wurde an Truppen und Material zusammengekratzt was verfügbar war. Auf den Flugplätzen in Süditalien und Sizilien wurden von überall her Transportmaschinen zusammengezogen. Alles wirkte sehr improvisiert aber es zeigte seine Wirkung. Man musste dem Feind zuvorkommen und Rommel den Rückzugsweg offenhalten. Hauptmann Lauck lehnte sich zurück und schloss die Augen. Was hatte der Feldmarschall zum Abschied zu ihm gesagt? „Sie sind die Vorhut der Vorhut, Lauck. Machen Sie sich ein Bild von der Lage und bereiten sie alles für die Ankunft des Korpsstabes Nehring vor, dem Sie von jetzt an direkt unterstellt sind. General der Panzertruppe Nehring wird den Oberbefehl über alle deutschen und italienischen Soldaten in Tunesien ausüben.“ Lauck´s Mundwinkel zuckten. Kesselring hatte eine unnachahmliche Art alles zu bagatellisieren und mit seiner jovialen Art zu verharmlosen. Denn jetzt, an diesem späten Vormittag des 10. November 1942, saß er in einer Transportmaschine zusammen mit Männern des I. Bataillons des Fallschirmjägerregimentes 5, um den Flughafen von Tunis im Handstreich zu nehmen. Sie würden die ersten deutschen Soldaten sein, die ihren Fuß auf tunesischen Boden setzen würden. Weitere sollten folgen, bunt zusammengewürfelt. Aber Ordnung konnte man später schaffen. Zuerst mussten die Alliierten gestoppt werden, musste das Rennen um Tunis gewonnen werden.
„Fertigmachen!“ Der junge Oberleutnant überprüfte die Ausrüstung eines jeden Mannes in der Maschine. Die tunesische Küste kam in Sicht und die Maschinen flogen nun extrem tief über dem Meer. Linker Hand konnte Hauptmann Lauck Kap Bon erkennen, was ihm sagte, dass sie nun über dem Golf von Tunis waren. In wenigen Minuten würden sie Tunis erreichen. Was würde sie erwarten? „Noch fünf Minuten!“ schrie der Oberleutnant und hielt die gespreizte Hand hoch. Seine Männer nickten und Hauptmann Lauck vergewisserte sich, dass sowohl seine Pistole im Halfter, als auch seine MP durchgeladen und gesichert waren. Er hatte kalte, feuchte Hände. „Reiß dich zusammen!“ belehrte er sich im Geiste. Er war weiß Gott kein Schreibstubensoldat. Polen, Frankreich und dann Russland. Zuletzt als Kompaniechef. Im Winter 41/42 bei Demjansk verwundet und ausgeflogen worden. Nach seiner Genesung kurze Zeit beim Ersatzheer und seit Anfang Juli diesen Jahres als Bürohengst beim OB Süd.
„Noch zwei Minuten!“ Die großen Seitentüren wurden aufgerissen und direkt unter ihnen huschte die tunesische Küste vorbei. Plötzlich ging die Maschine in eine scharfe Rechtskurve und gewann kurzzeitig an Höhe. Dann sackte sie wieder runter und jagte im Tiefstflug ihrem Ziel entgegen. „Sichtkontakt!“ kam es aus dem Cockpit. Der Oberleutnant drehte sich ein letztes Mal zu seinen Männern um und bildete mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen Kreis. Die Fallschirmjäger erwiderten das Zeichen und er nickte zufrieden. Er blickte kurz auf Hauptmann Lauck, der mit einem gequälten Lächeln ebenfalls das Zeichen erwiderte. Der Oberleutnant konnte sich trotz der angespannten Situation ein breites Grinsen nicht verkneifen. „Wird schon werden, Herr Hauptmann…“
Er drehte sich wieder um und sah aus der großen Luke. „Achtuuung….!“ Mit einem Stoß setzte die Ju auf und erhob sich wieder. Dann berührten die Räder ein zweites Mal den Boden und dieses Mal blieb der Kontakt bestehen. Mit Vollgas rollten die Maschinen zu den ihnen vorher zugewiesenen Zielen. Hauptmann Lauck versuchte durch das Fenster irgendetwas zu erkennen, aber draußen war nichts zu sehen außen aufgewirbeltem Sand. Mit einem Ruck wurde sie Maschine langsamer und drehte nach links. „Alles raus!!!“ Der Oberleutnant sprang aus der Maschine und seine Männer folgten ihm. So musste es sich in dieser Sekunde bei den anderen Maschinen auch zutragen.

Der Motorenlärm erstarb und die Maschine rollte aus. Die drei Bordschützen suchten unentwegt mit ihren Augen das Gelände ab. Bereit, jederzeit das Feuer zu eröffnen, wenn es notwendig werden sollte. Aber nichts passierte. Keine Schüsse, kein Geschrei. Eine gerade zu gespenstische Stille herrschte. Hauptmann Lauck stieg aus der Luke, immer die MP im Anschlag. Die Stille zerrte etwas an seinen Nerven und er hatte das Gefühl, dass tausend Augen ihn beobachten würden. Nach einigen Minuten kam der Oberleutnant zurück. „Nur Zivilisten…der zuständige Mann hat uns den Flugplatz ohne zu murren übergeben. Militär soll angeblich weder auf dem Flugplatz, noch in der Stadt stehen.“ Hauptmann Lauck entspannte sich. „Wie geht es weiter?“ fragte er. Der Oberleutnant grinste. „Jetzt organisieren wir uns Fahrzeuge und rücken in die Stadt ein…“











