Abraham Lincoln - General-in-Chief, Teil 2: Der Virginia-Feldzug 1862
In den beiden vorangehenden Kapiteln über Abraham Lincoln als Oberkommandierender der US-Streitkräfte habe ich mich mit Lincolns militärischer Sachkenntnis und McClellans Strategie für den Krieg gegen die Südstaaten beschäftigt. Ich möchte nochmals betonen, dass ich Mister Lincoln keinen Vorwurf mache - woher hätte er sein Wissen denn schöpfen sollen? Anders als sein Kontrahent Jefferson Davis - der West Point Absolvent war, während des Mexikokrieges gedient hatte und Verteidigungsminister unter Franklin Pierce war - musste Lincoln seine Erfahrungen aus den bitteren Lehren des Krieges ziehen. Andererseits habe ich Euch hoffentlich deutlich machen können, dass Lincoln durchaus einen "Masterplan" im Kopf hatte. Im Osten waren seine drei Top-Prioräten in absteigender Reihenfolge:
- Washington muss zu jeder Zeit vollständig sicher bleiben,
- Die feindliche Army of Northern Virginia muss zerschlagen werden, bevorzugt durch einen offensiven, aktiven Feldzug,
- Territorium der Konföderation soll an mehreren Stellen erobert werden, z.B. im Shenandoah-Tal, Ost-Tennessee oder Tidewater Virginia.
Wie seine Prioritäten - und seine Direktiven aus dem Weißen Haus - mitunter ganze Feldzüge der Union behinderten, habe ich bei Frémont oder McClellan erläutert. Im Kapitel über McClellan habe ich eine mögliche Strategie dargestellt, die Lincolns Vorstellungen widersprach. Nichts desto weniger hätte sie meiner Ansicht nach erfolgreich sein können, wenn McClellan nicht schon vor Beginn seiner Operation über 55.000 Soldaten vorenthalten worden wären. Einerlei, nach Malvern Hill schien weder McClellan mit neuen Operationen gegen Richmond beginnen zu wollen, noch hätte Lincoln diese unterstützt. Statt dessen wurde ein anderer General mit dem Kommando über eine Armee betraut, die wenn die Ereignisse anders gelaufen wären, wahrscheinlich die gesamte Army of the Potomac vereinnahmt hätte. General Pope sollte Lincolns ursprüngliches Konzept wieder aufnehmen: einen Vormarsch durch Nord- und Zentral-Virginia in Richtung Richmond mit dem Ziel, Lee's Armee irgendwo auf dem Weg dorthin zum Kampf zu stellen. Wir können schlecht beurteilen, ob Pope hätte Erfolg haben können, denn General Robert Lee kam dem Unionsgeneral zuvor und trieb in nach mehreren Schlachten auf Washington zurück - noch bevor Pope überhaupt seine Offensive begonnen hatte. Danach verlagerte sich das Kampfgeschehen nach Maryland, gefolgt von der Schlacht beim Antietam. Ich will auch nicht den Eindruck stehen lassen, dass George McClellan ein Glücksfall für die Nordstaaten gewesen sei.
Tatsächlich schien er relativ ausgeglichene Offensivqualitäten zu besitzen: insgesamt fünf Offensiven trug er vor, die meisten nach sehr gründlicher und zeitraubender Vorbereitung:
- Die Offensive beim Rich Mountain 1861, die zur Eroberung und Sicherung West Virginias führte,
- Die Offensive gegen Johnstons zurück fallende Armee nach dem Fall von Yorktown im Mai 1862,
- Die Offensive in Richtung Hanover nach der Schlacht bei Seven Pines im Juni 1862,
- Die Offensive gegen Robert Lee vor der Schlacht bei Antietam im September 1862,
- Und die Offensive gegen Lee nach der Schlacht bei Antietam, beginnend Ende Oktober 1862.
Drei seiner Offensiven waren erfolgreich - zum Teil sehr erfolgreich: Rich Mountain, Hanover und Antietam. Die beiden anderen waren herbe Enttäuschungen. Zwei Belagerungsoperationen unternahm er:
- Die Belagerung von Yorktown (erfolgreich),
- und die Belagerung von Richmond (erfolglos).
Taktische Defensive war nicht McClellans Stärke - bei der Schlacht von Seven Pines ließ er es zu, dass ein Flügel seiner Armee isoliert wurde und unter anderen Umständen der Vernichtung anheim gefallen wäre. Während der Sieben-Tage-Schlacht war er eigentlich konstant auf dem Rückzug, obwohl seine Korpskommandeure beinahe jedes Gefecht siegreich beendeten. Und vor allem gibt es keinerlei Entschuldigung dafür, nach der Schlacht bei Malvern Hill nicht die Gelegenheit zur Gegenoffensive ergriffen zu haben.
Vor allem aber war McClellan illoyal und ein Unruheherd für die Regierung Lincoln. Ihn dennoch solange im Amt zu halten (und über vier Monate hinweg sogar zum Generalstabschef der US Army zu machen), geht wieder auf das Konto des Präsidenten. Vielleicht hätte ihn Lincoln direkt nach der Sieben-Tage-Schlacht entlassen sollen und Pope (oder einen anderen General) auf dessen Posten setzen sollen. Und anstatt in Nordvirginia eine Patchwork-Armee aufzustellen, hätten die Verstärkungen lieber auf die Halbinsel gebracht werden sollen. Aber mehr als meine vage Einschätzung, dass der Feldzug schließlich hätte erfolgreich beendet werden können, kann ich Euch leider nicht bieten. Was ich allerdings unternehmen kann, ist den auf die Schlacht beim Antietam folgenden Verlauf der Virginia-Offensive 1862 zu beschreiben - einem Feldzug, der so ziemlich allen Vorgaben entsprach, die Präsident Lincoln ursprünglich im Hinterkopf hatte...
Nach Antietam - das Vorspiel
In der letzten Septemberwoche 1862 befand sich die Army of the Potomac im Gebiet zwischen Sharpsburg und Hagerstown nördlich des Potomac, während die Army of Northern Virginia Stellung bei Winchester bezogen hatte und ihre Wunden leckte. Wäre es nach McClellan gegangen, hätte er wahrscheinlich gar keine Offensivoperation gestartet und sich statt dessen wieder auf die Verlegung auf die Halbinsel vorbereitet. Doch diese Wahl war General McClellan nicht gegeben und so eröffneten sich für ihn zwei Alternative: erstens die Verfolgung Lees ins Shenandoah-Tal oder zweitens eine flankierende Operation östlich der Blue Ridge Mountains in Richtung Gordonsville. McClellan schien erstere Möglichkeit zu bevorzugen, doch er sah gravierende Hindernisse. Zum einen würde er seine Armee nur über die Winchester & Potomac Railroad versorgen können, deren Gleisanlagen und Brücken Jeb Stuart während des Rückzuges großflächig zerstört hatte. Zum anderen sah er wenig Gewinn in der Tatsache, Lee aus dem Shenandoah-Tal heraus zu drängen.
When in due course the Potomac rose enough to limit the crossing places and make guarding them practicable [also mit Einsetzen der Herbstniederschläge], he [McClellan] might open a brief campaign, advancing on Winchester and either fight Lee there or pushing him farther up the Shenandoah Valley. The lack of railroad made it IMPOSSIBLE to supply such an advance much beyond 25 miles. His next step would be to the entire upper Potomac [...]. Finally, presumably in the spring of 1863, he would return to the his grand campaign against Richmond by the Peninsula route [also wieder über die Halbinsel]. (Sears, The Young Napoleon)
Am 1. Oktober 1862 traf der Präsident persönlich bei der Armee ein, vorrangig, um die Schauplätze der vergangenen Schlachten zu besichtigen und sich den Soldaten zu zeigen. Aber er konferierte auch mit McClellan, wo er ihm den politischen Druck, auf keinen Fall wieder in Inaktivität zu verfallen, nahe brachte. Als ihm McClellan die Schwierigkeiten erläuterte, welche eine Operation ins Valley mit sich bringen würde, ließ Lincoln das Thema fallen. Aber direkt nach seiner Rückkehr nach Washington am 4. Oktober beriet er sich mit Generalstabschef Henry Halleck und Kriegsminister Edward Stanton. Zwei Tage später sandte Halleck dem General ein Telegramm - und dieses würde nur eine von vielen Depeschen der nächsten 30 Tage sein, welche den Druck auf McClellan schrittweise erhöhten und schließlich in seine Demission mündeten:
"The president directs that you cross the Potomac and give battle to the enemy or drive him south." [Anscheinend soll McClellan also Winchester angreifen] Doch Halleck fährt fort: "The president advises the interior line, but does not order it." (Sears, The Young Napoleon)
Präsident Lincoln bekräftigte seinen Entschluss eine Woche später mit einem Brief - einem zweiseitigem Brief (recht lang für die damalige Zeit) - an den General:
"You remember my speaking to you of what I called your over-cautiousness. [Verweis auf das Treffen mit McClellan am 2. Oktober] [...] Why can you not reach there [Culpeper-Gordonsville östlich der Blue Ridge Mountains] before him, unless you admit that he [Robert E. Lee] is more than your equal on the march? ... I would press closely to him, fight him if favorable opportunity should present, and at least try TO BEAT HIM to Richmond on the inside track [also östlich der Blue Ridge Mountains] [...] We should not so operate as to merely drive him away. As we must beat him somewhere OR FAIL FINALLY. [...] If we cannot beat the enemy where he is now, WE NEVER CAN, he being again within the entrenchments of Richmond." (Lincoln an McClellan, 13. Oktober 1862, aus: Foote, The Civil War)
Also das müssen wir mal genauer betrachten. Der Präsident macht deutlich, dass seiner Meinung nach Lee's Armee NICHT BESIEGT werden kann, wenn sie die Befestigungen Richmonds erreichen sollte. Sicherlich wegen des Misserfolgs von McClellans Halbinsel-Feldzug - aber dass ER SELBST in den Ausgang des Feldzugs eingegriffen hatte, als er dem General über 55.000 Mann entzogen hatte, erwähnt er mit keiner Silbe. Auch Sears und McPherson, diese beiden hoch geschätzten Historiker, greifen das nicht auf. Stattdessen weisen beide anhand dieses Dokuments darauf hin, welche großen strategischen Fähigkeiten Lincoln sich doch eigentlich erarbeitet hatte. Besonders McPherson (lest seine Fußnoten und sein Quellenverzeichnis) belegt damit Clausewitz'sche Prinzipien Lincolns, lange bevor Clausewitz selbst ein Thema in der Army wurde. Ich verweise hier nochmals auf das Preview-Kapitel mit den Stichworten concentration-in-time versus concentration-in-space. Ich erlaube mir festzustellen, dass es keinerlei Beweis gibt, der Lincolns Schlußfolgerung rechtfertigt, dass die ANV nur außerhalb Richmonds hätte besiegt werden können - auch wenn Grant 1864 vor Richmond scheitern sollte (das lag aber an anderen Gründen). Des weiteren verweise ich nochmals darauf, dass diese Situation niemals hätte entstehen können, wenn die AotP nicht von der Halbinsel abgezogen worden wäre. Und ich verweise darauf, dass McClellan nach der Sieben-Tage-Schlacht (und dem damit verbundenen Scheitern der Belagerung Richmonds) VORGESCHLAGEN HATTE, den James River zu überqueren um Petersburg zu umschließen und die drei Eisenbahnlinien südlich Richmonds zu kappen, was die Versorgung der Army of Northern Virginia mittelfristig unmöglich gemacht hätte (also die Befestigungen Richmonds UMGANGEN HÄTTE).
Warum schaltete sich Lincoln überhaupt persönlich ein? Nun, nach Hallecks Befehl am 6. Oktober setzte McClellan das Hauptquartier ordnungsgemäß von seinen Planungen und Vorbereitungen in Kenntnis. Insbesondere folgende Umstände müssen betrachtet werden:
McClellan veranschlagte für den Feldzug eine Dauer von ca. drei Wochen, würde sich aber von seiner jetzigen Basis im westlichen Maryland aus nicht mehr versorgen können, wenn er den Potomac erst überschritten hätte. Da er während des Marsches an beiden Flanken einen Kavallerieschutz benötigt hätte (nicht zu sprechen von einem Screen etwa 24 Stunden vor seinen Marschkolonnen und Pferden für die Artillerie), plante er mit dem gesamten Einsatz seiner Kavallerie, ca. 15.000 Tiere in der gesamten Armee. Diese Pferde waren seit Antietam kaum einsatzfähig geworden, und hätten zunächst ausreichend "gefüttert" werden müssen, ganz zu schweigen von dem Grünfutterbedarf während des Marsches. Außerdem machte er geltend, dass seine Truppen nicht über genügend Schuhe, Uniformen, Zelte und Decken verfügte (was Divisionskommandeure wie George Meade oder Alpheus Williams bestätigten). McClellan schob die Schuld für die ausbleibenden Lieferungen auf Stanton und Meigs (den Generalquartiermeister), diese wiederum wiesen als Grund auf fehlerhafte Materialanforderungen der Armee aus. Beides dürfte zutreffend sein - denn einerseits war das Nachschubwesen immer noch zu großen Teilen auf Brigadeebene konzentriert und daher schwer zu koordinieren, andererseits gibt es Beweise für fehlgeleitete Eisenbahnzüge und falsche beladene Waggons. Wie dem auch sei, der Oktober verging, und McClellan blieb in Maryland. Es gab einen Grund für McClellans gewissenhafte Vorbereitung seiner Nachschubsituation - und davon wird zu einem späteren Zeitpunkt noch zu sprechen sein - er hätte sich nach der Überquerung des Potomac kaum noch versorgen können...
Sowohl Foote als auch Sears legen in ihren Werken dar, dass Lincolns (bzw. Hallecks und Stantons) Drängen einem anderen Ziel entsprach - es sollte den Boden für die Entlassung McClellans als Armeechef bereiten. McPherson verschweigt dies.
"When I was a boy we used to play a game.Three times round, and you're out. Stuart has been round him twice. If he goes around McClellan once more, gentlemen, he will be out." (Lincoln nach einem Truppenbesuch Mitte Oktober, Foote, The Civil War) Anlass war ein zweiter erfolgreicher Raid Jeb Stuarts Kavallerie hinter den Linien der Army of the Potomac.
"I said I would remove him if he let Lee's army get away from him, and I must do so." (Lincoln zu Francis Blair, einem der Gründerväter der Republikanischen Partei, Foote, The Civil War)
He had grown weary of the generals endless excuses, he said, and were it not for the midterm elections [Kongress-Wahlen Anfang November 1862 in einigen Bundesstaaten] taking place just then he dismiss him. (Lincoln zu Vice-President Hamlin, Sears, The Young Napoleon)
Es spielte gar keine Rolle mehr, dass McClellan nach fünf Wochen Vorbereitungen (nach Antietam) am 26. Oktober 1862 mit der Überquerung des Potomac begann und neun Tage später seine GESAMTE Armee bei Warrenton (50 Meilen südlich des Potomac) versammelt hatte. Auch dass Lee nur Longstreets Korps aus dem Shenandoah-Valley abgezogen hatte und Jackson immer noch bei Strasburg stand, kann nicht als aureichender Grund dienen. Denn Lincoln hatte bereit am 5. November den Entlassungsbefehl für McClellan unterschrieben - noch bevor das Ergebnis der Zwischenwahlen (die fanden am 4. November statt) ausgezählt war, aber spät genug, als das Nachrichten darüber eine Auswirkung auf das Wahlergebnis gehabt hätten. Während Washingtons Politiker im Kongress und die Öffentlichkeit über die großen Tageszeitungen bereits seit Wochen auf den Führungswechsel bei der Armee vorbereitet wurden, wartete Lincoln nur noch auf den richtigen Zeitpunkt - den POLITISCH FRÜHEST MÖGLICHEN Zeitpunkt.
Major General Burnside übernimmt das Kommando
Es ist nur schwer zu begreifen, welche militärischen Gründe am 7. November 1862 vorlagen (als Lincolns Befehl in McClellans Hauptquartier eintraf), McClellan seines Kommandos zu entheben. Die Army of the Potomac stand nur unweit der Stelle, an der General Pope vor drei Monaten seine Army of Virginia versammelt hatte. Und auch Lees Armee befand sich in der selben Gegend, in der sie damals Pope gegenüber stand. Selbst der Operationsplan war derselbe: der Nordstaatenarmee sollte entlang der Orange & Alexandria Railroad nach Süden vorstoßen und den Feind dabei in eine Schlacht verwickeln. Warum um alles in der Welt hatte McClellan (in McPhersons und Sears Augen) hier versagt, wo doch auch Pope vor ihm nicht in der Lage gewesen war, rechtzeitig vor dem Gegner vor Ort zu sein? Diese Frage ist müßig, sie führt ohnehin nicht weiter ins Thema. Vielleicht war Lincoln bestürzt darüber, dass die Armee nicht nach Süden raste, um Lees Rückzugslinien abzuschneiden. Beschäftigen wir uns daher lieber mit den Voraussetzungen für die Offensive, wie sie Lincoln schon vor vielen Monaten (wenn nicht sogar schon seit Herbst 1861) im Hinterkopf hatte und wie sie Ambrose Burnside nun umsetzen sollte.
Auf der Karte erkennt man die ursprüngliche Vormarschplanung. Und ganz ehrlich, weiter hatte man in Washington auch nicht voraus gedacht. Denn Burnside erkannte sehr schnell, dass das Vorhaben schlichtweg unmöglich war: der Vorstoß bis nach Gordonsville und dann weiter ostwärts entlang der Virginia Central Railroad war ein Hirngespinst, ein Phantom!
Am 7. November war die gesamte Armee - mehr als 120.000 Mann - am Nordufer des Rappahannock versammelt. Südlich davon, bei Culpeper, stand die Army of Northern Virginia. An dieser Stelle MUSS ich einfach auf einen LÄCHERLICHEN Kunstgriff der Historiker hinweisen. Bei Antietam verfügte Lee über etwa 35-38.000 Mann und erlitt mehr als 10.000 Verluste. Jetzt, sieben Wochen später, behaupten McPherson und Co., sollte der Personalbestand auf 60-70.000 Mann angewachsen sein. WAS? Wie um alles in der Welt hätte Lee das bewerkstelligen sollen? Mit keinem Wort erklären diese Historiker dieses Wunder. Wahrscheinlich verfügte Lee damals höchstens über 50.000 Mann, eher weniger. Also das ist doch die Gelegenheit für Burnside, oder nicht? Tja, aber Burnside schreibt seinem Präsidenten am 7. November ein Memorandum:
Not liking the army's present location [...] Burnside had the notion of converting the advance just east of the Blue Ridge into a feint, under cover of which he would "accumulate a four or five day's supply for the men and animals; then make a rapid move of the whole force to Fredericksburg, with a movement upon Richmond from that point." This was se so-called "covering approach" which Lincoln had always favored, since it protected Washington. (Foote, The Civil War)
Lincoln war diesmal nicht einverstanden, er wollte, das Burnside seinen Gegner angriff (wenn sich Lee in seiner Verfassung überhaupt zum Kampf gestellt hätte). Und er entsandte Henry Halleck nach Warrenton, um mit General Burnside zu sprechen. Am 12. November traf Halleck dort ein. Was war Burnsides Problem?
Nun, die Orange & Alexandria Railroad war 1862 eine Ein-Schienen-Verbindung mit keinerlei Ausweichgleisen entlang der gesamten 50 Meilen zwischen dem Rappahannock und Gordonsville für lange Frachtzüge. Das bedeutet, dass jeweils nur ein Zug in eine Richtung fahren kann, da sich auf keinem Abschnitt der Strecke Züge begegnen können. Außerdem gab es nirgends ausreichend Holz in der Nähe, um die Lokomotiven mit genügend Brennstoff für ihre gezwungenermaßen schweren und langen Züge zu versorgen - die Züge hätten waggonweise selbst Tender mitführen müssen (und damit die Kapazität für Frachtladung herab gesetzt). Und es gab keine Wasserdepots für eine derart intensive Streckennutzung. Das war die Realität in Lincolns großem Plan für Pope drei Monate vorher. UNMÖGLICH! Es hat während des gesamten Krieges auch kein Commander der Army of the Potomac versucht, über Gordonsville auf Richmond vorzustoßen. McClellan nicht, Burnside nicht, Hooker nicht und auch nicht Grant. Wie hätten über diese Strecke auch täglich 700 Tonnen Nachschub transportiert werden sollen? Aber wenn Lee (wovon auszugehen ist), hier nach Süden ausgewichen wäre, hätte ihm Burnside nur langsam folgen können, bevor er schließlich wegen Nachschubmangels mitten in Virginia liegen geblieben wäre.

Nach seiner Rückkehr überzeugte Halleck den Präsidenten, Burnsides Fredericksburg-Plan zuzustimmen, und am 15. November begann Burnside seinen Marsch. Seine Armee hatte er in drei "Grand Divisions" unter Sumner, Franklin und Hooker gegliedert, jede war zwei Armeekorps stark. Sumner machte den Anfang, gefolgt von Franklin mit Hooker als Nachhut - und die ersten Truppen erreichten Falmouth gegenüber Fredericksburg am Nordufer des Rappahannock bereits zwei Tage später. Nun, Burnside hatte auch die Pontonbrücken vom Potomac angefordert, welche laut Zeitplan bis zum 20. oder 21. November hätten in Falmouth oder Aquia eintreffen können - doch Halleck vermasselte es. Später sollte er sich damit heraus reden, dass es verabredet gewesen sei, dass Burnside SÜDLICH des Rappahannock nach Fredericksburg vormarschieren würde. Nun, das wäre militärischer Nonsens gewesen. Hätte Burnside diesen Weg genommen, hätte er ein Gebiet, dass nur "Wilderness" genannt wurde, durchqueren müssen. Es gab dort nur eine Straße in Ost-West-Richtung und sie führte durch eine urwaldartigen Landschaft. Dort wäre seine rechte Flanke die ganze Zeit ungeschützt für Angriffe aus südlicher Richtung gewesen. Das Gelände hätte überdies jeden zahlenmäßigen Vorteil und jede Artillerieüberlegenheit zunichte gemacht. Es gibt übrigens zwei Beweise dafür: weder gelang es Hooker 1863, noch Grant 1864 in der Wilderness gegen einen weniger als halb so starken Robert E. Lee zu bestehen.
Es spielt auch keine Rolle. Die Pontons trafen erst am 27. November bei der Army of the Potomac ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Longstreet schon die Anhöhen südlich Fredericksburg befestigt und Jackson streckte sich aus, das gesamte Gebiet zwischen Port Royal an der Mündung des Rappahannock und Massapomax Creek südlich von Longstreets Stellungen abzudecken. Immerhin, beide Armeen waren wieder in ganzer Stärke versammelt. Nominell hatte Burnside 250.000 Soldaten unter seinem Kommando! Nominell, wohlgemerkt. Denn davon standen knapp 100.000 in Washington bzw. in Stellungen entlang des Potomac und waren unabkömmlich. Zieht man weitere Kommandos ab, die er entlang des Rappahannock stationiert hatte oder welche seine Nachschublinien sicherten, verfügte er aber immer noch über etwa 125.000 Mann, davon waren zwischen 100-110.000 "fit for duty", wie es so schön heißt. Lee auf der anderen Seite wurde durch Verstärkungen aus dem gesamten Süden auf 72.000 Mann gebracht und stellte sich darauf ein, Burnside auf jeden Fall eine Schlacht zu liefern. War das nicht Lincolns so lange ersehnte Gelegenheit, die feindliche Armee in einem Frontalangriff zu vernichten?
Lincoln zögert
Tja, der November war nicht mehr der April oder August des Jahres 1862. Nach den schrecklichen Verlusten bei Shiloh, 2nd Bull Run, Antietam oder Perryville war Lincoln mittlerweile der Sinn nach blutigen Schlachten vergangen (oh je, wurden McClellan, Buell und später Rosecrans nicht genau deswegen entlassen). Aber keine Sorge, die Historiker werden Euch auch das mit der wundervollen strategischen Begabung Lincolns erklären, denn der Präsident hatte nun einen anderen Plan. Am 22. November hatte Burnside Halleck die Lage bei Fredericksburg und das zur Gänze verlorene Überraschungsmoment erläutert - und bat um die Erlaubnis, mit dem Angriff fortzufahren. Lincoln schrieb dem General am 25.11., dass er sich unverzüglich mit ihm in Aquia (Burnsides Nachschubbasis am Potomac) treffen würde. Lincoln musste einsehen, dass Burnsides Chancen, den ursprünglichen Plan umzusetzen, wahrscheinlich viele Opfer gefordert hätte - und davon hatte er 1862 bereits genug. Zurück in Washington arbeitete er (ohne Halleck) einen Alternativplan aus:
First I wish Burnsides crossing of the river nearly free from risk and secondly I wish the enemy to be prevented from falling back accumulating his strength as he is going back to Richmond. (Lincolns Memorandum an Halleck, The Collective Works of Abraham Lincoln, Library of Congress)
Bevor ich zu dem eigentlichen Plan komme, lasst mich bitte ein paar deutliche Worte zu dieser Einleitung verlieren. Wie um alles in der Welt soll Burnside den Rappahannock in Gegenwart der gesamten feindlichen Armee OHNE RISIKO überqueren? Und wie soll ein derart gestalteter ungefährlicher Flussübergang den Gegner effektiv daran hindern können, sich nach Richmond zurück zu ziehen? Meinem Verständnis nach ist das eine Entweder-Oder-Entscheidung. Entweder Burnside führt seine Bewegung in unmittelbarer Nähe zu Lees Armee aus und kann damit eine Absetzbewegung durch einen Vorstoß gegen die Nachhut des Feindes kontern, oder er überquert den Fluss in sicherer Entfernung zu den feindlichen Stellungen, was Lee im Gegenzug genug Zeit geben muss, sich vollständig zurück zu ziehen. Oder seht Ihr das anders?
Nun, Lincoln gedachte das Dilemma durch einen gleichzeitigen Vormarsch an mehreren Punkten zu lösen:
I therefore propose, that Burnside shall NOT MOVE IMMEDIATELY [war es nicht genau das, was Lincoln bisher stets von seinen Generälen gefordert hat?] [...] that we accumulate a force on the south bank of the Rappahannock at say Port Royal under protection of gunboats. I want an force of 25.000 men at Port Royal to move to Northwest [zurück nach Fredericksburg]. At the same time I want another force of 25.000 to be as high up the Pamunkey as can be protected by gunboats. This being ready as all three forces [gemeinsam mit Burnsides Hauptarmee] are moving simultaneously. (Aus Lincolns Memorandum an Halleck, The Collective Works of Abraham Lincoln, Library of Congress)
Einer der größten Verehrer Lincolns, die graue Eminenz der Geschichte des Bürgerkriegs James McPherson, sagt nun dies über Lincolns Plan:
Lincoln evolved through his studies of military history and strategy and his own common sense, his own intellectual acumen [Scharfsinn] a strategy that modern military strategist would call concentration in time. Lincoln came up with the idea that the Confederacy's ability to use their interior lines to concentrate troops at their most threatened points, for example during [...] the first battle of Bull Run [...] to counter that Union invasion, and to repulse it... Lincoln learned from that, and subsequent situations that the only way of the United States Army to counter the ability of the Confederates to shift troops, was to send forward, to invade on more fronts simultaneously. (James McPherson in einem Interview an der University of California, Berkeley, "Lincoln as Commander in Chief", 2008)
Ich habe in der Vergangenheit immer herablassend über so manche seiner Äußerungen berichtet - und diesmal will seine Sätze etwas genauer auseinander nehmen. McPherson und seine Fixierung auf "concentration in time" passen nicht zu Lincolns Plan für Fredericksburg, wenn man das Beispiel Bull Run als Maßstab nimmt. (McPherson spricht auch Situationen in Kentucky und Tennessee an, aber geht dort nicht ins Detail. Außerdem sind die in Frage kommenden Feldzüge ebenfalls kein geeignetes Beispiel für angebliches Ausnutzen der "inneren Linie" - ein strategisches Konzept, welches ich zur Zeit von Schießpulver und Musketen ohnehin stark anzweifle.) Bei Bull Run gelang es den Konföderierten TROTZ der Befehle McDowells an MGen. Patterson, Truppen aus dem Shenandoah-Tal zu Beauregards Armee zu verlegen. Nun - anscheinend waren sich alle damals Beteiligten schon über dieses "Konzept" im klaren gewesen (eigentlich eine militärische Selbstverständlichkeit). Des weiteren war die Bewegung TAKTISCHER Natur und keineswegs strategisch. Dasselbe träfe auch auf Burnside vor Fredericksburg zu. Doch war es in Fredericksburg doch nicht der Vorteil der "inneren Linie", der die Konföderierten begünstigte. Geschweige denn hätten sie Truppen aus anderen, nicht bedrohten Frontabschnitten herbei schaffen können. Hier ging es einzig und allein um die Möglichkeit, sich vor der Schlacht zurück zu ziehen - und Lincoln spricht das explizit an: "...I wish the enemy to be prevented from falling back..." . Diese Möglichkeit hat JEDER Opponent, der über eine intakte Rückzugslinie verfügt (also nicht eingekesselt ist). Das hat soviel mit "concentration in time" (im Sinne Clausewitz') zu tun, wie Niveau mit einer Handcreme.
Worüber McPherson nicht spricht, ist was Halleck und Burnside sagen sollten, als Lincoln beiden am 29. November seinen Plan in Washington vorstellte (Burnside wurde extra dafür in die Hauptstadt beordert):
Both generals rejected the plan [...] (Foote, The Civil War)

Und warum taten sie das? Auf der Karte seht Ihr Lincolns eigene Vorstellungen. Das ist sein Plan! Er hat ihn nicht abgeschrieben oder von einem Ghostwriter diktieren lassen. Folgendes zog er nicht in Betracht:
- Wie lange würde es dauern, 25.000 Mann bei Port Royal zu versammeln, und welche Truppen könnte der Gegner in der Zwischenzeit flussbabwärts verlegen?
- Wie hoch ist der Wasserstand des Pamunkey River? Welche Art von Schiffen kann den Fluss mit welcher maximalen Zuladung befahren?
- Wie viele Schiffe braucht man also, um 25.000 Mann am Pamunkey zu versammeln? Wie viele stehen zur Verfügung? In Verbindung mit der notwendigen Zeit für das Boarding und Unboarding, für Transit und Bunkern, wie lange würde eine solche Operation dauern?
- Kann Artillerie mitgenommen werden?
- Können Pferde mitgenommen werden?
- Wann frühestens könnten die gemeinsamen Operationen beginnen, da ja alle drei Streitkräfte gleichzeitig vorrücken sollen?
- Kann der Gegner den südlichen Angriffskeil nicht mit überwältigender Stärke schlagen oder ihn lange genug blockieren, um seinen Rückzug zu decken?
- Wie hoch wäre das Risiko? Wie hoch wären die Erfolgschancen?
Und schließlich - wie bitte schön sollte Burnside, dessen Hauptstreitkräfte um mehrere zehntausend Mann reduziert waren, OHNE RISIKO den Rappahannock bei Fredericksburg überwinden?
Fazit
Ich will auf die folgende, unausweichliche Schlacht bei Fredericksburg nicht mehr eingehen. Nur so viel sei gesagt, als General Burnside seinen endgültigen Angriffsplan vorstellte - und von Lincoln absegnen ließ - war das Todesurteil für tausende Unionssoldaten ausgesprochen. Es gibt kaum einen einseitigeren Sieg der Konföderation gegen die Union als den bei Fredericksburg. Aber all das ist das zwangsläufige Ergebnis von Lincolns Einflussnahme auf das Kriegsgeschehen des Jahres 1862. Alles hätte anders sein können, wenn die Union McClellans Strategie treu geblieben wäre, selbst unter einem anderen General. War Fredericksburg ein einmaliger Ausrutscher? NEIN! Jede Überlandstrategie der Union, auch 1863 und 1864 führte von Zentral-Virginia aus zwangsläufig in den Osten. Hooker scheiterte schon kurz nach Beginn seines Feldzuges in Chancellorsville. Grant, mit Sicherheit einer der begabtesten und intuitivsten Kommandeure des Krieges musste sich während seines Überlandfeldzuges ebenfalls von Schlacht zu Schlacht bis an die Tore Richmonds schlagen, und das gegen einen Gegner, der im Vergleich zu 1862 oder 1863 schwächer war.
Wie formulierte Grant in einem Telegramm zwei, drei Tage, nach dem die Schlacht in der Wilderness abgeklungen war und sich die Linien beider Seiten allmählich konsolidiert hatten? "I will stay at this line and fight it out, and when it takes all summer!" Das ist exakt Lincolns Sprache, das ist exakt, was sich Lincoln schon kurz nach Kriegsbeginn vorstellte. Und was realisierte Grant nur ein paar Tage später? Das genau das eintreten würde! Er würde in der Wilderness stehen, gemeinsam mit General Lee, jeweils das Messer an der Kehle des anderen, und sie würden an dieser Linie kämpfen - den ganzen Sommer lang! Und was tat Grant schließlich - er tat das einzig richtige, bedenkt man die gigantische Größe seiner Armee und die Nachschublinien, die er an seiner linken Flanke aufgebaut hatte - ER UMGING DEN FEIND! Er machte das, was alle anderen Generäle vor ihm einschließlich McClellan getan hatten. Und wir alle wissen heute, wie erfolgreich das war, oder? Konnte Lee seine geschundene Armee nicht wieder und wieder vor die Front des Gegners führen und zu blutigen Angriffen provozieren? Was geschah in Cold Harbor, nur einen Steinwurf von Richmond entfernt, als Grant ein letztes Mal versuchte, Lees Stellungen frontal zu durchbrechen. Weigerten sich seine Soldaten nach desaströsen Verlusten nicht schließlich, den Angriff fortzusetzen?
Man kann sicherlich über vieles geteilter Meinung sein. Aber wenn man den Verlauf und die Aussichten von McClellans Offensive im Frühjahr und Sommer 1862 mit denen Burnsides im Herbst vergleicht, wenn man das historische Beispiel von Hooker und Grant addiert, so muss man zwangsläufig zu der selben Meinung kommen wie ich. Lincolns Überlandstrategie ist gescheitert. Nicht weil sie schlecht umgesetzt worden wäre, sondern weil sie schlicht weitaus ungünstiger für die Nordstaaten war. Es hätte, ich wiederhole mich da, niemals so weit kommen müssen, wäre die Army of the Potomac auf der Halbinsel geblieben.
Nun ja, wie gesagt, Abraham Lincon war ein bemerkenswerter Politiker und ein großer Präsident. Es wäre zuviel verlangt, von ihm auch noch glänzende Militärfachkenntnisse zu erwarten. Ich möchte das Lincoln nicht vorwerfen. Ich kritisiere lediglich die Art und Weise, wie er in dieser Beziehung von den Geschichtswissenschaftlern gezeichnet wird.
Wenn es keine weiteren Fragen mehr zu dem Thema gibt, werde ich mich das nächste Mal mit General Lees Lost Order auseinander setzen.
Gez.
Der Captain