Kapitel 2: Ein Sturm zieht herauf
Verträumt verfolgte Major von Arckendorf das geschäftige Treiben auf der Straße unter ihm. Er beobachtete die vielen fremden Menschen wie sie ihren täglichen Geschäften nachgingen, wie sie zur Arbeit eilten, sich unterhielten und gemeinsam lachten.
Nicht ungern hätte er selbst Zeit gehabt für derlei Freuden, aber er erwartete mit Spannung die Rückkehr Moltkes, der bereits seit Stunden mit dem Kaiser zu debattieren schien.
Eine Zeit lang hatte er noch im Foyer gewartet, doch nachdem er zum wiederholten Male Tirpitz unangenehme Stimme durch die Tür hatte vernehmen müssen, war er hierher ,in das Arbeitszimmer des Generalstabs, zurückgekehrt.
Seine Aufmerksamkeit wanderte zurück zu dem Dossier, welches vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Ein Statusbericht der zwei Landwehrdivisionen, welche hier in der Festung Posen stationiert waren. Nun da er sich gerade selbst in der alten Provinzhauptstadt befand war das die beste Gelegenheit, den Zustand der Divisionen zu prüfen und alte Kontakte wieder aufzufrischen. So zumindest in der Theorie. In der Praxis zeigte sich, dass das Herumspielen mit dem Brieföffner deutlich interessanter zu sein schien.
Nicht zum ersten Mal entfuhr dem Major ein Seufzer. Wie konnte es nur sein dass er sich als königlich preußischer Offizier von derartigen Banalitäten ablenken ließ. „So sind die Menschen eben“, sagte der eine Teil seiner Gedanken. Der andere brüllte ihn an, sich zusammenzureißen.
Gerade als er das Dossier in die Hand nahm, öffnete sich die Tür und ein sichtlich erschöpfter Moltke trat ein.
Major von Arckendorf erhob sich und salutierte rasch. „Herr Generaloberst?“
Der alte Militär lächelte müde und erwiderte verschmitzt: „Ein Sieg will ich meinen, aber ein hart erkämpfter. Der Kaiser bewilligt uns die Mittel zur Aufstellung von neun weiteren Divisionen, davon drei Kavalleriedivisionen. Des Weiteren bekommen wir endlich unsere Festungsbauten in Oberschlesien und einen neuen Speiseplan fürs Offizierskasino.“
Dem Major entfuhr eines kurzes Lachen bevor er fragte: „Und Tirpitz?“
„Erhält neun neue Unterseeboote zusätzlich zu den Schlachtschiffen, die sich bereits im Bau befinden.“
„Ich gratuliere, Herr Generaloberst. Da haben wir die Fische wohl zurück ins Meer getrieben.“
„Zumindest fürs erste. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, ich habe zu tun. Der Kaiser wünscht neue Taktik-Doktrinen von Heer und Marine und ich habe nicht vor, mich von Tirpitz blamieren zu lassen.“ , erklärte Moltke.
„Selbstverständlich, Herr Generaloberst. Ich werde mich, denke ich, ebenfalls zurückziehen. Ich wünsche gute Gedanken und eine geruhsame Nachtruhe.“
„Gleichfalls, gleichfalls. Aber beeilen Sie sich, Arckendorf, soweit ich sehen kann, sind die Aussichten nicht sehr freundlich. Uns droht ein gewaltiger Sturm und in den wollen Sie doch nicht hineingeraten.“
