Vernichter hat geschrieben:Generalissimo kann eigentlich als bestes Beispiel dafür angeführt werden, um alle frommen Hoffnungen zu widerlegen, dass die Reaktion automatisch rational ausfallen würde. Und der Regent ist ein Mediziner, ein Akademiker also. Wir wissen beispielsweise nicht, wie oft wir ihn hier nach der Belegung seine These von der EU-Diktatur aus Basis der Strukturen gefragt haben. Eine rationale Antwort, die fehlende Kontrollmechanismen und Legitimationsketten aufgezeigt hätte, blieb aus. Auch ein andere Erklärung wurde nicht geliefert. Es blieb immer auf der Ebene, auf der man auch die Wahl des Bundespräsidenten auf der Straße als undemokratisch kritisiert, weil er nicht von den Bürgern direkt gewählt wird. Im hiesigen Thema wird in der gleichen Art und Weise fortgefahren. Festsehende Meinungen, die auf den Widerspruch nicht eingehen, sondern nur immer wieder das Gleiche wiederholen, teilweise nicht einmal variiert.
Ein glänzendes Beispiel für den „Erfolg“ solcher Rezepte:
http://www.sezession.de/9756/wie-wir-bi ... llten.html
Ob der Autor heute noch die Meinung in der Form vertritt, sei mal dahin gestellt, ist aber die Beschreibung der Haltung, die heute als konservativ gilt. Die burlesk vorgetragene Forderung nach dem Schutz deutscher Interessen ohne Rücksicht auf Verluste und einem Solidaritätsgefühl für die Nation, gemischt mit Vorschlägen, die eine „Elite“ produzieren, wie man sie unter kalifornischen Republikanern so häufig anzutreffen ist: Verachtung und Hass auf zweckbefreite Bildung, „Schmarotzer“, illegale Einwanderer und einer Liebe zum Land, kombiniert mit einer mexikanischen Haushälterin und einem Fernseher aus China. Eigentlich einfach eine etwas andere Sorte von Liberalen. Liberale die gerne nationale Briefmarken sammeln.
Um es nochmal zu betonen, ist das hier der Standpunkt von Menschen, die über eine hohe formale Bildung verfügen. In der Masse sind solche Analysen in einer noch weniger artikulierten Form und noch wütender und überzeugter vorzufinden.
Ich weiß gar nicht, wie man so viel Dummheit in einen Artikel packen kann, wie es dieser sezession-Typ tut. Es ist auch keineswegs liberal, was er vorschlägt. Die Liberalen wären dafür, die Hochschulen (und eigentlich auch Gymnasiale Oberstufen - da ist der Lernende ja auch kein Kind mehr) zu privatisieren und denen die Kriterien zur Studentenwahl selbst in die Hand zu geben. Ob Zweierabitur, Examen oder eben, was wahrscheinlich die meisten interessiert: GELD.
Vielmehr sehe ich hier das Verlangen, den Marktwert der eigenen erworbenen akademischen Grade einzuzäunen (man hat völlig unbegründete Angst vor einer Inflation des eigenen "Bildungs"kapitals), auf die gute alte Weise des mittelalterlichen Zunftwesens. In seiner irrationalen Angst redet er natürlich ganz viel dummes Zeug, aber nicht alles, was dummes Zeug ist, ist auch liberal.
Beginnend schon bei der Annahme, "gelockerte Zulassungsbeschränkungen" würden den Staat kein Geld kosten. Wenn ich mir schon ansehe, wie noch vor 10-20 Jahren gewisse Gestalten in Studiengänge wie Medizin reingeschlittert sind - teilweise mit 4er-Abis plus Eignungsprüfung, muss ich konstatieren, dass die befürchtete Tendenz einfach nicht da ist. Und warum ist sie nicht da? Weil Studenten kosten.
Natürlich wollen jedes Jahr mehr Leute Akademiker werden. Liegt ganz einfach daran, dass die nicht-bildungsintensiven Berufe in einem steten Strom entweder aus Deutschland auswandern, oder durch Dumping und Aufstockertum der materiellen Basis und der gesellschaftlichen Würde beraubt werden. Wer will da nicht studieren? Um die Zulassungsbeschränkungen aber nicht zu verschärfen, hätte der Staat massiv Kapazitäten ausweiten müssen. Dies geschah aber nicht. Statt dessen reformierte man sämtliche Studienordnungen, um die Studentenzahlen durch Auslese zu senken. Der vom Autor völlig inkonsequenterweise abgelehnte Bachelor (stufenweise Selektion III!!!!11) ist dabei ein Werkzeug zu eben jenem Zwecke - genau wie Schikanen wie die schulartige Anwesenheitspflicht. Dass sie irgendwo tatsächlich durch Arbeit der Studentenvertretung abgeschafft werden konnte, ist ein seltenes Beispiel für gute Arbeit der Studentenvertretung - aber kein Zeichen für eine bundespolitische Tendenz.
Dass auch eine Ausweitung studentischer Machtkompetenzen keineswegs im Raum steht und sich universitäre Verfassungen wieder in eine ganz andere Richtung bewegen, braucht man nicht anzuführen - gegen die muss der Autor wettern, weil die alle links sind und Linke = böse sind - genauso wie man den Hausunterricht nicht als unserer Probleme Lösung hinstellen kann. Auch zu der Abwertung der Geisteswissenschaften will ich nichts sagen. Ich habe mich mit dem Artikel wahrscheinlich eh schon mehr auseinandergesetzt, als der es verdient.
Aber: werter Vernichter, warum ist der nun liberal? Nur weil er offensichtlich die nationale Staatsräson (besser ausgebildete Bevölkerung; Vorsprung durch Technik) vor lauter Klasseninteressen völlig aus den Augen verliert?