Kapitel 295 - Der Kalte Krieg geht weiter
7. November 1952 10:10 Uhr, Südfrankreich, in der Nähe von Carcassonne:
Bond: "So lob ich mir meinen Urlaub. Nirgendwo ist es um diese Jahreszeit so schön, wie hier."
Namenlose Frau: "Oh James, wie Recht du hast."
*Telefonklingeln*
Frau: "Was ist das?"
Bond: "Das Büro. Entschuldige bitte, ich muss mal schnell telefonieren."
Frau: "Ich dachte, du hast Urlaub?"
Bond: "Wie es aussieht, wohl nicht mehr. [...] Ja, Bond hier."
Moneypenny: "Der Chef fragt nach Ihnen, wo stecken Sie denn, James?"
Bond: "Im Urlaub, natürlich."
Moneypenny: "M hat einen Auftrag für Sie; 'einen wichtigen', hat er gesagt."
Bond: "Natürlich, einen wichtigen."
Moneypenny: "Also machen Sie sich schnell auf den Weg, James."
Bond: "Ich stecke gerade noch ein einer wichtigen Besprechung. Sagen Sie dem..."
Frau: "Bin ich deine Besprechung, oder wie?"
Bond: "Psst, es ist das Büro. [...] Moneypenny, sagen Sie dem Chef, ich bin heute Nachmittag in London. Buchen Sie für 14 Uhr ab Toulouse."
Frau: "Das kommt gar nicht in Frage. Als du mich das letzte Mal versetzt hast, warst du wochenlang unterwegs."
Moneypenny: "James, wie es aussieht ist Ihre Besprechung von der schwierigeren Sorte?!"
Bond: "In Ordnung. Moneypenny, buchen Sie für 16 Uhr. Ich bin gegen sieben im Büro."
7. November 1952 19:30 Uhr, MI6-Zentrale London, Vorzimmer von M:
M: "Sie sind spät, Bond."
Bond: "Ich bitte um Entschuldigung, Sir. Aber im Urlaub ist man manchmal nicht so einfach greifbar."
M: "Sie sind beim Geheimdienst Ihrer Majestät. So etwas wie Urlaub gibt es nicht. Gehen Sie schon einmal rein, ich komme gleich nach."
Bond: "Ja, Sir."
M: "Vor zwei Tagen haben unsere Truppen, die in der Mandschurei gegen den Rest der rotchinesischen Armee kämpfen, Hinweise erhalten, die darauf hindeuten, dass sich Mao Zedong höchstpersönlich an der Front aufhält und seine Einheiten kommandiert."
Bond: "Das muss eine Falschmeldung sein. Mao würde sich nie einem solchen Risiko aussetzen; zumal er vom Rest seines Landes abgeschnitten wäre."
M: "Unsere Station in Peking hat mehrere Funksprüche abgefangen, die eine Anwesenheit Maos nahelegen. Demnach will er das Kommando über die rotchinesischen Truppen unverzüglich an einen Stellvertreter übergeben und nach Moskau zu Konsultationen mit Chruschtschow reisen."
Bond: "Das könnte eine Falle sein. Warum sollte soetwas über den Funkverkehr gehen, wenn doch klar ist, dass wir derartige Meldungen abfagen würden?"
M: "Es könnte aber auch eine Chance sein, Mao in die Finger zu bekommen. Anders als damals mit der Sowjetführung, die dann doch
aus Moskau geflohen war."
Bond: "Wie lautet mein Auftrag, Sir?"
M: "Mao wird mit der Transsibirischen Eisenbahn reisen, da er kein Flugzeug zur Verfügung hat. Laut unseren Meldungen wird er den Zug nehmen, der übermorgen in Wladiwostok abfährt. Sie werden ihn abfangen. Ein Flugzeug bringt Sie von Kabul nach Norden. In der Nähe von Omsk werden Sie mit dem Fallschirm abspringen und in den Zug nach Moskau steigen. Die Details bekommen Sie von Moneypenny."
Bond: "Ja, Sir."
M: "Nehmen Sie Mao in Gewahrsam und verlassen Sie mit ihm in Nischni Nowgorod den Zug. Dort werden Sie Ihren Kontaktmann treffen, der die Weiterfahrt nach Süden organisieren wird. Ziel ist die Grenze zu Georgien, wo Sie von der British Army in Empfang genommen werden."
Bond: "Na das klingt ja einfach."
M: "Moneypenny, schicken Sie bitte Q rein."
Bond: "Guten Abend, Q."
Q: "N'Abend, Bond."
M: "Q wird Ihnen noch den neuen Standard-Ausrüstungskoffer erklären. Er wird für Sie am Bahnhof deponiert sein."
Bond: "Sieht so aus, als reiste ich mit leichtem Gepäck."
Q: "Lassen Sie bitte Ihre Scherze und hören Sie zu. Ein unauffälliger, kleiner Lederkoffer mit 20 Schuss Munition. Hier an der Seite ist ein Wurfmesser versteckt, es kommt auf Knopfdruck heraus. Wenn Sie ihn öffnen...."
Nachdem sich die Arsenale an Langstreckenraketen geleert haben, werden diese wieder aufgefüllt. Diese Waffe hat sich bewährt und wird die Grundlage unserer nuklearer Abschreckung werden. Abschusseinrichtungen für Interkontinentalraketen unterhalten wir im Augenblick in Nordengland, dem deutschen Rheinland, Nordostsyrien sowie auf Okinawa.
Wir ziehen unsere Truppen nun vollständig von der Krim ab. Die Spezialeinheiten, also Airbornes und Marines, verlassen die Region vollständig und beziehen bis auf Weiteres einen Stützpunkt in Alexandria. Die restlichen Transportverbände der Royal Navy werden nach Georgien verlegt. Dort ist das Expeditionsheer bereits angekommen und wird über die in der Waffenstillstandsvereinbarung festgelegte Volksabstimmung wachen.
Die letzten noch verbliebenen koreanischen Einheiten haben sich nach Ch’ŏngjin zurückgezogen. Sie verweigern die Kapitulation, es kommt zur Schlacht. Die Koreaner kämpfen sehr verbissen, ein Durchkommen ist zunächst nicht möglich.
Am 12. November 1952 findet in Stockholm einer der wichtigsten Termine meiner gesamten Laufbahn statt. Stellvertretend für die beiden großen Machtblöcke verhandeln der neue Machthaber in Moskau, Nikita Chruschtschow, und meine Person, der Premierminister des Vereinigten Königreiches, über die Nachkriegsordnung. Dieses erste Verhandlungsrunde soll unsere Länder mitsamt allen Verbündeten dem Ziel eines dauerhaften Friedens in Europa ein Stück näher bringen.
Doch schon in diesem ersten Treffen stellt sich heraus, dass die Positionen beider Verhandlungsführer nur schwerlich unter einen Hut zu bekommen sind. Zwar herrscht schnell Einigkeit bezüglich der Zugehörigkeit von Norwegen und Türkei zum westlichen Bündnis und der Anerkennung der kommunistischen Regierungen der Volksrepubliken Indochina, Kambodscha und Korea. Hinsichtlich der baltischen und kaukasischen Staaten sowie der Ukraine fährt Chruschtschow aber ganz klar die Linie, all diese Länder in der Sowjetunion zu halten. Eine Unabhängigkeit lehnt er ab, kommt aber zumindest bei den kaukasischen Staaten nicht drumherum, ihnen diese Möglichkeit zu lassen. Der Kompromiss lautet: Volksabstimmungen im Baltikum und dem Kaukasus. Die baltischen Staaten entscheiden über die Aufwertung ihrer Länder von einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik zu einer vollwertigen Unionsrepublik inkl. theoretischem Recht zum Austritt aus der Union, praktisch aber engerer Bindung an Moskau. Die kaukasischen Staaten werden darüber abstimmen, entweder unabhängig zu bleiben oder der Sowjetunion erneut als Unionsrepubliken beizutreten. Die Ukraine als Gründungsmitglied der Sowjetion ist bereits vollwertige Unionsrepublik. Chruschtschow stellt ihr jedoch den Anschluss der bislang russischen Krim nach Ende der UN-Verwaltung in Aussicht.
Die Deutsche Frage konnte bei der ersten Verhandlungsrunde nicht abschließend geklärt werden. Noch immer herrscht bezüglich Ostpreußen keine Einigkeit. Die Forderung nach weiteren deutschen Reparationszahlungen an die Sowjetunion habe ich entschieden zurückgewiesen. Auch muss noch geregelt werden, in welchen Ländern und wie nah an des jeweilig anderen Grenze Truppen und Atomwaffen stationiert werden dürfen. Zumindest wurde beschlossen, dass die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich für die Sicherheit des von den Vereinten Nationen verwalteten Gebiets auf der Krim zuständig sind.
13. November 1952 21:50 Uhr, Südsibirien, Bahnhof von Omsk:
Der Transfer von Kabul nach Norden hat geklappt. Getarnt als Versorgungsflug des internationalen Roten Kreuzes wurde Bond bis in die Nähe von Omsk gebracht, wo er am Abend mit dem Fallschirm absprang. Kurze Zeit später ist er mit Hilfe seiner Kontaktperson zum Bahnhof gelangt. Der Zug aus Wladiwostok steht zur Abfahrt bereit, Bond hat es gerade noch geschafft.
Bond wäre nicht Bond, wenn ihm der mysteriöse Mann, der ihn vom Zug aus auf dem Bahnhof beobachtet hat, nicht aufgefallen wäre. Er dreht den Spieß herum und folgt ihm zu seiner Kabine. Er klopft an; und tatsächlich funktioniert der uralte Trick, sich als Schaffner auszugeben.
mysteriöser Mann: "Sie sehen aber gar nicht aus, wie der Schaffner."
Bond: "Halten Sie die Klappe und nehmen Sie die Hände hoch!"
Mann: "Wie Sie wünschen."
Bond: "Wer sind Sie? Und was wollen Sie von mir?"
Mann: "Ich will Ihnen helfen."
Bond: "Nennen Sie mir Ihren Namen."
Mann: "Borsow. Sergej Borsow."
Bond: "Warum haben Sie mich verfolgt?"
Borsow: "Ich hatte nur ein Bild von Ihnen und wollte sicher gehen, dass Sie es sind."
Bond: "Was glauben Sie denn, wer ich bin?"
Borsow: "Bond, James Bond. Im Geheimdienst Ihrer Majestät. Mit der Lizenz zum Töten."
Bond: "Woher wissen Sie das? Was ist Ihr Auftrag?"
Borsow: "Ich will Ihnen hier raus helfen. Oder haben Sie vor, bis Moskau zu fahren? In die Höhle des Löwen?"
Bond: "Wie lautet der Code?"
Borsow: "Ich bin eingesprungen für Kotschemassow, er wurde von KGB-Agenten ermordet. Alles was er mir noch sagen konnte war, dass ich Sie im Zug abpassen soll. Dann gab er mir das Foto und starb vor meinen Augen. Den Code hat er mir nicht mehr mitteilen können."
Bond: "Also gut, was haben Sie vor? Erklären Sie es mir. Aber machen Sie keine Dummheiten."
Borsow: "Ich zeige es Ihnen auf der Karte. Hier an der Stelle fährt der Zug sehr langsam. Wir werden abspringen."
Bond: "Das ist Unsinn. Es hieß, dass ich in einem Bahnhof aussteige und dort einen Kontaktmann treffe."
Borsow: "Der Plan wurde geändert, der KGB weiß bereits von der Sache. Wir machen es hier. Es steht ein Wagen bereit, der Sie nach Kirow bringt. Dort treffen Sie Ihren Kontaktmann wie geplant."
Bond: "Warum Kirow? Wir haben dort keinen..."
*ein dumpfer Schlag trifft Bond auf den Hinterkopf*
Borsow: "Aber wir."
