Alle Wege führen nach Rom - I
02.Januar 1936
Benito Mussolini beugt sich in seinem Arbeitszimmer - wenn man es so nennen konnte - im
Palazzo Venezia sitzend, über den aufgeschlagenen Akt, die Stirn skeptisch runzelnd.
Eine strenge, schmucklose Messing-Lesebrille läßt eher an einen Gelehrten, Schriftsteller oder Bankier denken, denn an den "Duce", der gewöhnlich gekleidet in eine martialische Uniform hauptsächlich durch - insbesondere in ausländischen Augen - unsäglich theatralische Auftritte aufzufallen versteht.
Abseits dieser von den Italienern und insbesondere von seinen Anhängern durchaus goutierten öffentlichen Auftritte trägt Mussolini meist - wie auch heute - unauffällig legere Geschäftskleidung: schwarze Stoffhose, weißes oder hellblaues Stoffhemd, dazu ein bequemes beiges oder schwarzes Sakko und heute wie meist keine Krawatte.
Auch an dem schwarzen Hemd, das für die faschistische Bewegung schon beinahe heilige Bedeutung hatte, zeigt er privatissimo kein sonderliches Interesse.
Die konzentrierte, nachdenkliche Haltung, mit der er sich in das Dokument vertieft hat, trägt ihr übriges zu dem für Außenstehende befremdlichen Eindruck bei. Man wäre allenfalls geneigt, diesem durchschnittlich großen, an einem schnörkellosen Schreibtisch sitzenden Mann eine gewisse Ähnlichkeit zu jenem operettenhaften Demagogen zu attestieren. Am Ehesten erinnert noch der ausgeprägte Unterkiefer an jenen beinahe schon bizarren, selbstherrlichen und offenkundig drittklassigen Schauspieler.
Und doch ist dieser weitaus unauffälligere, ruhige und durchaus intellektuell wirkende Mann der echte Duce, jener andere nur eine Kunstfigur, zurechtgeschnitten nach Mussolinis Vorstellung eines erfolgreichen und eindruckgebietenden Volkstribuns.
Nun, niemand kann auf allen Gebieten brillieren und Mussolinis eher beschränkten schauspielerischen Fähigkeiten haben im Verein mit seinem ausgeprägten politischen Instinkt, seiner Begabung für Strategie und Taktik und nicht zuletzt seiner Skrupellosigkeit und dem unstillbaren Drang nach Macht immerhin ausgereicht, die selbst definierte Position des Führers des italienischen Volkes zu erreichen.
Jedenfalls gibt es heute, am 02.Januar 1936 in Italien praktisch keine Stimme mehr, die das bestreiten würde.
Was womöglich auch daran liegen mag, dass jene Stimmen für immer verstummt, vielleicht hinter hohen Mauern nicht mehr wahrnehmbar sind oder auch einfach aus kühler Berechnung derzeit schweigen.
Mussolini nippt an seinem Pellegrino, während er eine weitere Seite des Berichtes umblättert.
Ebenfalls ganz entgegen seines öffentlichen Images ist eher zudem ein fleißiger, bisweilen übergenauer und detailbesessener Arbeiter, der täglich 10 bis 12 Stunden Besprechungen mit seinen Untergebenen widmet und insbesondere auch dem beinahe leidenschaftlichen Studium von Akten.
Akten, die so ziemlich jeden Aspekt des Lebens in Italien betreffen können, zum Leidwesen seiner Mitarbeiter und speziell der zweiten Garnitur der italienischen Faschisten, von denen sich durchaus etliche selbst zum Herrscher berufen sehen. Doch sieht ihnen der arbeitswütige Duce zu genau auf die Finger und hält die Zügel viel zu straff, als dass sie sich Alleingänge hätten erlauben können.
Zumal es sich in vielen Fällen durchaus nicht um die intellektuelle Blüte des italienischen Volkes handelt. Mussolini hatte mit kühler Berechnung eher zweit- und drittklassige Männer auf Schlüsselpositionen gesetzt, die nicht gerissen genug waren, um ihm gefährlich zu werden, aber doch schlau genug, um einzusehen, dass sie ohne ihn nichts erreichen konnten.
Auf den Verfasser des so aufmerksam studierten Berichtes trifft all das hingegen durchaus nicht zu.
Vielmehr handelt es sich bei Jenem mit
Giovanni Messe um den fraglos fähigsten General der italienischen Streitkräfte, viele würden sogar sagen, um den einzig fähigen.
Was nicht ganz korrekt war, den es gab noch einen zweiten Kommandeur mit einigem Potential.
Bei den übrigen Befehlshabern handelte es sich überwiegend um verknöcherte, dem Denken und den Paradigmen des Weltkrieges verhaftete Bürokraten, denen man eigentlich nicht ernstlich eine verantwortungsvolle Position übertragen mochte.
Zumal sie ihr Handwerk schon in jenem großen Krieg nur stümperhaft verrichteten.
Nun, in Friedenszeiten waren fähige Militärs eher ein Grund zur Beunruhigung, speziell für einen so argwöhnischen Menschen wie Mussolini.
Da er sich selbst als einen in die Reihe der römischen Cäsaren gestellten Führer definierte, waren ihm talentierte und erfolgreiche Tribune generell ein Grund für höchste Wachsamkeit.
Schließlich hatten eine ganze Reihe von Imperatoren ihre Karrieren als erfolgreiche Feldherren begonnen, die ihre zu sorglosen Herren am Ende überwältigten.
In Kriegszeiten hingegen konnte man sich die bequemen, harmlosen Schafsköpfe nicht leisten, da mussten dann eben doch jene fähigen Strategen das Kommando übernehmen, die man ansonsten lieber fernab von Macht und Einfluß wußte, zur Not auch gleich unter der Erde.
Allerdings bot
Giovanni Messe selbst dem leicht weckbaren Misstrauen des Duce kein rechtes Ziel.
Der General und Held diverser Kriege, der mit den
Arditi die italienischen Sturmtruppen begründet hatte, war ein geradezu beängstigend rechtschaffener Offizier, an dessen Treue zum König keinerlei Zweifel aufkommen konnte. Solange Mussolini selbst das Wohlwollen
Viktor Emanuels besaß, würde er sich blind auf seinen brillianten General verlassen können.
Daher wohnte der Ernennung Messes zum Oberkommandierenden im abessinischen Krieg etwas Unausweichliches inne, weshalb ihn der Duce an etlichen dienstälteren Generälen vorbei an die Spitze des kampfstärksten Verbandes der italienischen Streitkräfte befördert hatte.
Natürlich würden jene weitgehend unfähigen Einfaltspinsel dieses Manöver Mussolini so schnell nicht verzeihen - aber ihre Wut galt ebenso dem protegierten Giovanni Messe, was jenen umso enger an den Duce band.
In dem aufmerksam studierten Dokument finden sich die Dispositionen des Generals hinsichtlich der bevorstehenden Offensive gegen die abessinischen Streitkräfte.
Messe legte darin ausführlich die Gründe für seine Anforderung beinahe der gesamten italienischen Luftwaffe dar.
Nach Meinung des Generals sind die italienischen Infanterie-Einheiten den Äthiopiern keineswegs so überlegen, wie man das im allgemeinen gerne annimmt.
Tatsächlich fehlt es an so gut wie Allem: Artillerie, Pioniere, Nachrichten- und Aufklärungseinheiten, Sanitäts- und Wartungseinheiten.
Selbst der vorhandenen Ausrüstung der Infanterie bescheinigt er ein armseliges Niveau auf gerade mal dem Stand des Weltkrieges und damit den meisten großen Nationen deutlich unterlegen.
Nicht gerade das, was man zu lesen wünscht, wenn man ein Weltreich errichten will oder doch jedenfalls eine Einflusszone, die gleichrangig neben der Englands oder Frankreichs rangiert.
Zumindest Letzteres ist jedoch erklärtes Ziel des Duce, der die klägliche Rolle Italiens im Weltkrieg nicht vergessen, geschweige denn verwunden hat.
Schliesslich hatte er selbst lange genug als Frontkämpfer die Knochen hingehalten, hatte viele gute Kameraden in blutigen und durchweg sinnlosen Schlachten fallen sehen.
Jahrhunderte lang war Italien der Bedeutungslosgkeit verfallen, purer Spielball anderer Mächte und in zahlreiche kleine Herzogtümer zersplittert.
Der Weltkrieg hatte, auch nach dem Willen Mussolinis, der unaufhörlich dem Kriegseintritt auf Seiten der Entente das Wort geredet hatte, dem ein Ende setzen und Italien wieder in die Reihen der Großmächte führen sollen.
Ursprünglich gedachten die italienischen Führer dieses Ziel an der Seite der Mittelmächte auf Kosten Frankreichs zu erreichen.
Die überraschende Kehrtwende der britischen Außenpolitik und die Gründung der Entente, verknüpft mit der Annäherung an Rußland hatte die Lage für Italien jedoch grundlegend verändert.
Da Italien praktisch nur aus Küste bestand, war die Sicherung des östlichen Mittelmeeres faktisch stets eine Überlebensfrage.
Mit der französischen Marine hätte man es diesbezüglich durchaus aufnehmen können, aber als England an die Seite Frankreichs trat war klar, dass die Entente das Mittelmeer beherrschen würde.
Daher schwankten die italienischen Führer längere Zeit um sich schliesslich gegen ihre alten Bundesgenossen zu wenden, Nizza gegen Triest tauschend.
Doch verlief der Krieg dann gänzlich anders als gedacht.
Die immer wieder erneuerten Isonzo-Offensiven brachten nur gigantische Verluste, obwohl Habsurg doch unter einem Mehrfrontenkrieg schnell hätte zusammenbrechen sollen.
Anstatt das Volk zu einen und eine gemeinsame italienische Identität zu stiften, waren die Italiener von Anfang an gespalten und diese Spaltung vertiefte sich noch ständig weiter.
Schliesslich musste die Entente sogar noch intervenieren, um einen italienischen Zusammenbruch zu verhindern, womit es um den ersehnten außenpolitische Prestige-Gewinn ebenfalls geschehen war.
Auch hatte man es seiten der Franzosen und Engländer am Ende vorgezogen, die entscheidenden Offensiven dort zu starten, wo die Mittelmächte am Stärksten waren:
In Frankreich und nicht etwa an Piave und Isonzo, wo sich Österreich-Ungarn schon in Auflösung befand und auch der Krieg gegen Deutschland sehr viel schneller und eindrücklicher zu beenden gewesen wäre.
All dies nur um Frankreich den Nimbus des Triumpfes über die Mittelmächte zu verleihen und nicht etwa Italien.
Das ersehnte Dalmatien hatte man auch nicht erhalten, stattdessen wurde ein jugoslawischer Staat aus der Taufe gehoben, der zumindest im Norden eine ganze Reihe von Gebieten beinhaltete, die Italien als für sich reserviert ansah.
So reihten sich die Italiener am Ende in die Liste der enttäuschten Sieger ein, die ihren gewaltigen Einsatz weitgehend als verloren, ihre Anstrengungen als herabgewürdigt ansahen.
Wie auch andernorts verschaffte die Enttäuschung und Brutalisierung im Gefolge des Weltkrieges den Extremisten Zulauf, sodass sich schliesslich Mussolini durchsetzen konnte.
Er hatte das Fernziel eines neuen römischen Reiches inzwischen keineswegs aus den Augen verloren, wenn auch nunmehr einen deutlich geschärften Blick für die Hindernisse auf diesem Weg.
Im Norden war
Deutschland fraglos auf Revanche aus, was Italien durchaus einschließen mochte.
Klar war jedenfalls, dass der Österreicher Hitler eine großdeutsche Lösung im Sinn hatte, nachdem sich die kleindeutsche Variante als nicht leistungsfähig genug für Deutschlands hochgespannte Ambitionen erwiesen hatte.
Im Zuge einer Eingemeindung Österreichs mochte schnell ein Interesse an Slowenien, Kroatien und Dalmatien aufkommen - Gebiete, die für Mussolini unabdingbar mit seinem ersehnten neuen römischen Imperium verknüpft waren.
Zudem war Italien ein schwaches Österreich eine Sicherheitsgarantie für die eigene Grenze und die nach dem Weltkrieg annektierten Gebiete.
Würde der Rassenfanatiker Hitler die Südtiroler preisgeben um sich ausgerechnet mit den Italienern anzufreunden, auf deren Konto die Zerschlagung Österreich-Ungarns letztlich ging?
In seinem kruden Buch, welches Mussolini nach Hitlers Machtergreifung gezwungenermaßen gelesen hatte, schwadronierte jener ja beständig über den Osten.
Ob er ernstlich hoffte, der Westen würde ihn gewähren lassen?
Im Erfolgsfalle könnte Deutschland wohl von keiner feindlichen Allianz mehr bezwungen werde, was für Briten und Franzosen sicher Grund genug wäre, frühzeitig einzuschreiten.
Im Westen war
Frankreich ein traditioneller Gegner, um nicht zu sagen Feind Italiens, sah man dort doch Norditalien seit langem als bloße Spielwiese französischer Interessen. Zudem beobachtete man beiderseits mißtrauisch die kolonialen Bestrebungen des jeweiligen Nachbarn.
Auf dem Balkan lag man sowieso über Kreuz.
Die Franzosen würde daher sicher nicht zögern, sich auf Kosten Italiens zu bereichern.
England wiederum hatte mit seinem Empire am meisten zu verlieren - jegliche Statusänderung im Mittelmeerraum konnte eigentlich nur zulasten der britischen Machtposition erfolgen.
Aufgrund der überragenden Bedeutung des Suez-Kanals für den Zusammenhalt des Empires würden die Briten nahezu alles tun, um Ihre Position in Ägypten zu halten, was jeden notwendigen Ausbau der britischen Mittelmeer-Flotte einschloß.
Die britische Außenpolitik basierte zudem seit langem auf dem sorgfältigen Ausbalancieren von Allem und Jeden, was den nicht sonderlich kampfwütigen Engländern ermöglichte, jeweils im Verein mit lokalen und regionalen Verbündeten als Zünglein an der Waage die
Pax Britannica aufrecht zu erhalten oder jedenfalls wieder herzustellen.
Wobei besagte Verbündete gerne auch die Hauptlast der Kämpfe und Verluste übernehmen durften, wie zuletzt Frankreich, Rußland und Italien.
Im Osten boten sich immerhin mit den schwachen Staaten
Jugoslawien, Albanien und Griechenland reichlich geeignete Ziele an.
Leider sahen die Briten allerdings diese Staaten als elementaren Bestandteil ihrer Eindämmungsstrategie gegenüber Deutschland, der Türkei und Rußland an, weshalb sie einer Annektion durch Italien und dem verbundenen Machtzuwaches Italiens nicht tatenlos zusehen würden.
An der
nordafrikanischen Küste bot sich auch kein erreichbares Ziel -
Ägypten blieb zumindest vorerst ein unerreichbarer Traum.
So fiel der Blick schließlich auf Abessinien, den ältesten existierenden Staat der Welt, der wundersamerweise den kolonialen Bestrebungen des 19. Jahrhunderts getrotzt hatte.
Wobei Italien durchaus selbst durchaus ebenfalls mit solchen Bestrebungen gescheitert war.
Damit gedachte der Duce nun aufzuräumen, weshalb er einen nun schon drei Monate währenden Krieg vom Zaun gebrochen hatte.
Leider hatte er den Oberbefehl dem politisch ungefährlichen aber eben auch militärisch unfähigen
Pietro Badoglio übertragen hatte, der erkennbar in erträglicher Zeit nichts erreichen würde.
Deshalb hatte Mussolini schließlich doch seinem besten General das Oberkommando übertragen und erwartete nun nichts anderes als einen schnellen Sieg.
Bisher beschränkten sich Briten und Franzosen zwar auf diplomatische Demarchen, aber je länger sich die Sache hinzog desto mehr geriet Italien ins Fadenkreuz dieser weit überlegenen Mächte.
Immerhin hatte sich
Deutschland politisch und propagandistisch auf die Seite Italiens geschlagen.
Für Hitler nicht gerade ein populärer Zug, weder innen- noch außenpolitisch, weshalb es sich eigentlich ganz klar um eine Offerte an Italien handeln mußte.
Die Auftritte der Nazis waren nicht dazu geeignet, das Wohlwollen der Nachbarn zu erlangen, was im Falle Deutschlands ohnehin schon beinahe unmöglich gewesen wäre.
Da galt es für den Duce nun, scharf Vor- und Nachteile abzuwägen, bevor man einen fatalen Fehler beging.
Mussolini wäre viel lieber mit England / Frankreich marschiert, aber da gab es für Italien nun mal nichts zu gewinnen.
Mit
Deutschland hingegen wäre das Risiko ungleich größer - aber damit auch die mögliche Prämie.
Immerhin hatten sich die
US-amerikanischen Wähler nach dem Weltkrieg wieder prompt in ihr isolationistisches Schneckenhaus verkrochen.
Durchaus zum Leidwesen ihrer politischen Führer, die sich noch ganz gerne den einen oder anderen Schluck aus der imperialistischen Flasche gegönnt hätten.
Aber auch wenn derartige Gelüste wieder aufleben mochten, war doch der zunehmende Fokus auf den Pazifik unverkennbar.
Also drohte wenigstens aus dieser Richtung mittelfristig keine Gefahr.
Die
Russen wiederrum waren nach jener verheerenden Revolution, die die Schrecken des Weltkrieges noch deutlich übetroffen hatte, bis auf Weiteres aus dem Spiel.
Alles in allem eine Konstellation, die bei sich bei allen Gefahren in der Zukunft sehr viel eher verschlechtern als verbessern würde.
Also galt es, möglichst schnell zu handeln, wenn man etwas erreichen wollte!
Mussolini teilte durchaus die Ansichten seines Proteges hinsichtlich der Ausstattung der italienischen Streitkräfte.
Den tieferen Grund bildete natürlich das
unzureichende italienische Industriepotential, was bereits im Weltkrieg klar zu Tage getreten war.
Seinerzeit hatte die Entente Italien massiv mit Kriegsgerät unter die Arme gegriffen, was angesichts des italienischen Alleinganges nun natürlich nicht mehr zur Debatte stand.
Einige Jahre lang hatte England mit Mussolini kokettiert, doch war diesem immer klar gewesen, dass es den Engländern ohnehin nur darum ging, die allzu selbstbewußten Franzosen auf eine handliche Größe zu begrenzen. Dafür war Italien recht, doch würden die Engländern niemals einen ernstlichen Machtzuwachs Italiens fördern oder auch nur dulden.
Italien würde sich schon selbst eine industrielle Basis schaffen müssen, die seinem Anspruch auf Weltgeltung entsprach!
Der Duce hat dazu schon einige Pläne in Petto, die sich im Abessinien-Krieg allerdings wohl nicht mehr auswirken werden.
Immerhin verfügen die gegenwärtig interessanten Abessinier nicht über Flugzeuge und wohl auch nicht über Mittel zur Flugabwehr, weshalb Mussolini dem Ansinnen
Giovanni Messes durchaus positiv gegenüber steht.
Allerdings dient sein Schwiegersohn,
Graf Ciano als Major und Bomberpilot bei der Luftwaffe, was ihn immerhin kurz zögern läßt.
Seine Tochter würde es ihm wohl nicht verzeihen, wenn ihr Mann in Afrika fallen sollte.
Aber schließlich ist der Duce selbst ein altgedienter Frontkämpfer und der Status als Kriegsheld würde die Karriere seines Schwiegersohnes nach der erfolgreichen Tätigkeit als Generalkonsul in China sicherlich noch weiter beflügeln.
Mussolini hat keine Lust, einen ungeeigneten Schwiegersohn zu protegieren - seinen Wert für die Familie und für Italien muss er schon selbst beweisen!
Die Luftwaffe musste im Übrigen auch mal vor die Tür.
Bislang gründete sich der Ruf der italienischen Luftwaffe im Wesentlichen auf eher sinnlose Rekorde von Prototypen und Spezialmaschinen, sowie noch sinnlosere Formationsflüge, wie etwa einer Atlantiküberquerung mit etwas über 30 Maschinen.
Also nichts von praktischem militärischem Wert.
Inzwischen alterte das Gros der Maschinen vor sich hin, ohne dass geeignete Nachfolger zur Verfügung standen.
Zu lange hatte man sich auf den Lorbeeren aus den zwanziger Jahren ausgeruht.
Das alles soll sich demnächst ändern und ein echter Kampfeinsatz ist dafür sicher ein probater Auftakt.
Schwungvoll setzt der Duce daher seine Unterschrift unter das Ersuchen von General Messe und setzt damit umfangreiche Verlegungen in Gang.
04.Januar 1936
Vier Männer sitzen an dem rechteckigen, schweren Eichenholz-Besprechungstisch im Büro des Duce im Palazzo Venezia.
Benito Mussolini selbst, der zur Zeit nebenher auch das Rüstungs-, Korporations- und Luftfahrt-Ministerium leitet, sowie die drei Staatssekretäre, die er zur Entlastung von den Tagesgeschäften dieser Ministerien benannt hat.
Im Grunde nehmen jene die Aufgaben von Ministern war, Mussolini ging es bei der offiziellen Übernahme durch ihn selbst im Wesentlichen um die Abkoppelung dieser sensiblen Themen vom allgemeinen Kabinettsbetrieb und die Sicherstellung koordinierter Aktivitäten nach seinem persönlichem Ratschluß.
Noch ergänzt durch den ebenso sensiblen Bereich Forschung und Entwicklung tagt hier dementsprechend faktisch ein Geheimkabinett.
Aufschlussreich ist das Fehlen von
Domenico Cavagnari, dem Staatssekretär des Marineministeriums und Stabs-Chef der Marine.
Normalerweise ist er als Verwalter des nach der Armee zweitgrößten Rüstungsbudgets ein sehr einflußreiches Mitglied dieses illustren Kreises.
Mussolini residiert natürlich an der Stirnseite des vier Meter langen Tisches.
Rechts von ihm hat
Ugo Cavallero Platz genommen, der als Staatsekretär das Kriegsministerium leitet.
Über die Jahrzehnte hinweg pendelte dieser immer wieder zwischen einer erfolgreichen militärischen Laufbahn, die ihm zum gegenwärtigen Rang eines Maggore Generale geführt hat und einer eher noch erfolgreicheren privatwirtschaftlichen Karriere, die zuletzt im Vorstandsvorsitz von
Ansaldo gipfelte.
Ansaldo gehört zu den größten italienischen Rüstungsfirmen, mit einem Portfolio von Stahlwerken, Werften, Artillerie- und Flugzeug-Produktion und starken Aktivitäten in den Bereichen Eisenbahn- und Automobil-Bau.
Im Verlauf der Weltwirtschaftskrise stand der Industrie-Gigant am Rande des Abgrundes um schliesslich von Mussolinis staatlicher Auffanggesellschaft
IRI gerettet zu werden.
Für Mussolini ist
Cavallero auch als Gegengewicht zu Marschall
Pietro Badoglio wichtig, der als Marschall von Italien und Generalstabs-Chef der Streitkräfte wichtigster Militär und damit ein anderer für den Duce potentiell gefährlicher Mann ist.
Neben ihm sitzt
Ferruccio Lantini für das Korporationsministerium, welches die Nachfolge der vormaligen Ministerien für Industrie, Wirtschaft, Handel und Arbeit angetreten hat.
Nach faschistischer Ansicht können diese Themen nur gemeinsam behandelt werden, was eine bemerkenswerte Machtkonzentration in den Händen dieses Mannes zur Folge hat.
Auf der gegenüberliegenden Seite ist mit
Italo Balbo einer der wichtigsten Männer Italiens für das Luftfahrtministerium präsent.
Eine abwechslungsreiche Karriere hat ihn vom hoch dekorierten Weltkriegs-Offizier der Alpinisti über die Sozialwissenschaften und das Bankwesen schließlich in die Politik geführt.
Im Gegensatz zu den meisten heute in der
PNF einflußreichen Männer war er bereits vor Mussolinis Marsch auf Rom einer der Parteiführer und ist damit naturgemäß auch ein potentieller Konkurrent für den Duce.
Seine jetzige Position verdankt er nicht zuletzt dem Wunsch Mussolinis, diesen geistig sehr wendigen Mann im Auge zu behalten.
Obwohl er Luftmarschall ist, hat er doch das Fliegen erst vor wenigen Jahren erlernt, letztlich auf Betreiben Mussolinis.
Zweifellos hatte ihm der Duce seine jetzige Aufgabe auch übertragen, um sich bei einem Scheitern
Balbos diesen gefährlichen Mann ohne größere Scherereien vom Hals schaffen zu können.
Allerdings war Balbo bislang nicht gescheitert, stattdessen hat er es sogar zu nationaler und internationaler Berühmtheit gebracht und nun hat Mussolini ihn erst recht am Hals.
Zur Linken Mussolinis hat sich der noch berühmtere
Guglielmo Marconi platziert, der neben seinen unternehmerischen Tätigkeiten auch Mitglied der PNF und Präsident der Accademia Nazionale dei Lincei ist und somit auch als wissenschaftlicher Berater Mussolinis fungiert.
Jedenfalls soweit sich dieser für Wissenschaft interessiert - zumindest zuletzt standen die auf den militärischen Bereich praktisch anwendbaren Themen im Vordergrund.
Mussolinis Blick folgt den beiden Bediensteten, die die Versammelten mit Mineralwasser, Säften und Kaffee versorgt haben und sich nun samt Servierwagen diskret zurückziehen.
Was hier besprochen wird geht keinen Außenstehenden an.
Erst als sich die schallgedämpfte Doppeltür hallend geschlossen hat, beginnt der Duce zu sprechen.
"Nun gut, meine Herren, kommen wir gleich zum Wesentlichen!"
Sein prüfender Blick wandert reihum, versichert sich der ungeteilten Aufmerksamkeit der Runde.
"Für die Zukunft Italiens ist die Kontrolle über den Balkan unverzichtbar! Dies wiederum wird sich ohne eine Konfrontation mit England und wahrscheinlich auch Frankreich nicht bewerkstelligen lassen!"
Balbo zieht bestürzt die Augenbrauen hoch, plädiert er doch seit Langem für eine Anlehnung an England.
Auch Cavallo wirkt keineswegs begeistert, weiß er doch die überlegene Stärke der französischen Armee bestens einzuschätzen.
Marconi und Lantini wirken unbewegt, obwohl für Ersteren die wirtschaftlichen Folgen sicherlich sehr erheblich wären.
"Natürlich werden wir nicht überstürzt zu Werke gehen", fährt Mussolini gleichmütig fort, "sondern uns vielmehr die nächsten vier Jahre Zeit nehmen, um uns kriegsbereit zu machen!"
Einzig Lantini scheint sich ein wenig zu entspannen.
"Wir werden natürlich eine umfassende Erweiterung der Armee vornehmen müssen - ich denke an mindestens 120 Divisionen, wovon mindestens 15 Divisionen gepanzert oder immerhin motorisiert sein sollen!"
Nun wirkt immerhin Cavallo etwas zuversichtlicher, während Lantini zunehmend skeptisch im Kopf mitzurechnen scheint.
"Ausserdem werden wir eine Luftwaffe benötigen, die diese Truppen wirksam unterstützen kann, vor Allem aber die Luftherrschafft über italienischem Gebiet und den Küstengewässern erkämpfen kann. Daher muss vorrangig die Jagdwaffe stark ausgebaut werden!"
"Wir haben im Luftfahrtministerium vor einiger Zeit bereits den Plan Merkur ausgearbeitet, Benito", läßt sich Balbo vernehmen.
Zwar schätzt man sich gegenseitig nicht sonderlich, jedoch ist es für die alten Kampfgefährten obligatorisch, sich beim Vornamen zu nennen.
"Wir gehen von einem Ausbau der Jagdwaffe auf 15 Geschwader aus, dazu 4 Bomber-, 4 Marineflieger- und 4 Sturzkampfgeschwader"
Mussolini, dem dieser Plan durchaus geläufig ist, nickt bestätigend. Zwar gehen seine Pläne noch weiter, aber es macht keinen Sinn, gleich alle Anwesenden vor den Kopf zu stoßen.
Lantinis Blick wandert nun irritiert zwischen beiden hin und her, die Stirn in tiefe Falten gelegt.
"Ich muss leider anmerken, dass unsere Industrie keineswegs in der Lage sein wird, innerhalb von 4 Jahren eine derartige Hochrüstung von Armee und Luftwaffe zu bewerkstelligen, mein Duce", flechtet er zögerlich ein.
"Daher werden wir uns auch vorerst einer drastischen Erweiterung unserer Rüstungs-Industrie widmen", bescheidet ihm der Angesprochene gelassen, "wobei wir insbesondere auch die Industrie-Technologien stark weiterentwickeln werden"
Marconi nickt auf einen fragenden Blick Mussolinis hin bestätigend.
"Tatsächlich werden wir durch Verbesserungen der Ausrüstung und durch den Aufbau von Groß-Betrieben die Produktivität und damit auch die Produktion dramatisch steigern können"
"Nun, das wird zweifellos auch erforderlich sein", gibt der noch keineswegs beruhigte Lantini zurück.
"Aber eine derartig radikal ausgeweitete Rüstungsproduktion benötigt auch eine entsprechende Rohstoff-Versorgung. Wie sollen wir denn beides bewerkstelligen?"
Mussolini gestattet sich ein dünnes Lächeln.
"Indem wir sobald als möglich auf eine Kriegswirtschaft umstellen," antwortet er dem ungläubigen Staatsekretär, "und dadurch den zivilen Verbrauch deutlich einschränken. Außerdem können wir dann einen weit größeren Teil unserer Konsumgüter-Industrie für den Export arbeiten lassen und uns so die notwendigen Devisen verschaffen"
"Für modernes Kriegsgerät wie Flugzeuge, Panzer und LKW benötigen wir vor Allem Öl und Gummi", gibt Cavallo zu bedenken.
"Eine nachhaltige Versorgung dürfte mit ansteigenden politischen Spannungen immer schwieriger werden und mit Kriegsausbruch eventuell gänzlich unmöglich!"
"Wie so häufig haben diese schrecklich tüchtigen Deutschen auch hier offenkundig eine Lösung gefunden", wehrt Mussolini ab.
"Durch Kohleverflüssigung lassen sich im großindustriellen Maßstab gewaltige Mengen an Öl und Gummi gewinnen - sicherlich genug für unsere Zwecke!"
Erneut nickt Marconi, den Mussolini schon vor einigen Monaten mit eben jener Frage befasst hat, bestätigend.
"Also müssen wir zusätzlich zum drastischen Ausbau der Rüstungs-Industrie und der Rüstung selbst auch noch diese sicherlich sehr umfangreichen Industrie aufbauen", wendet Lantini düster ein, woraufhin ihn Mussolini mit einem gereizten Seitenblick straft.
"Nun, natürlich werden wir diese Aufgabe letztlich stemmen - aber werden uns die Deutschen ihre Technologie denn so einfach zur Verfügung stellen?"
"Das lassen Sie mal ruhig meine Sorge sein, mein lieber Lantini", versetzt der Duce.
"Ich habe mir darüber schon meine Gedanken gemacht"
Nun richten sich alle Augen neugierig auf Mussolini, der jedoch erkennbar keine Lust hat, zum jetzigen Zeitpunkt seine diesbezüglichen Überlegungen zu enthüllen.
Oder überhaupt in diesem Kreise bekannt zu geben.
Nach einigen langen Sekunden zunehmend peinlicheren Schweigens ergreift Balbo erneut das Wort.
"Müssen wir nicht auch noch die Marine stark ausbauen, wenn wir uns mit den Engländern anlegen wollen?"
"Wir werden uns nicht einfach so mit den Engländern anlegen", verkündet Mussolini, "das überlassen wir gerne anderen Leuten, die die ungeilte Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden. Wir werden uns vielmehr unaufällig verhalten und genau im richtigen Moment überraschend und mit überwältigender Macht zuschlagen.
Für den Ausbau der Marine ist auch später noch genug Zeit, zuerst müssen wir in der Lage sein, mit den Franzosen fertig zu werden, was wir zulande und in der Luft schaffen müssen. Ausserdem hat es auch keinen Sinn, die bestehenden Schiffs-Entwürfe zu bauen, die den englischen ohnehin schon unterlegen sind. Wir werden vielmehr alle Flottenbau-Aktivitäten auf Eis legen, bis solche Pläne zur Verfügung stehen. Außerdem verschafft uns das erheblich mehr Luft bei der Rohstoff-Versorgung. Armee und Luftwaffe haben bis auf Weiteres absolute Priorität!"
Balbo nickt nachdenklich. Nun ist auch klar, warum das Marineministerium nicht am Tisch sitzt.
Es gibt schlicht nichts für die Kollegen zu tun!
Ob man das im Palazzo Marina am Tiber wohl schon weiß?
"Nun kennen Sie das Ziel und den Zeitplan", ergreift Mussolini nochmals abschließend das Wort.
"Ich erwarte Ihre Detailpläne bis spätestens Mitte Januar! Wir haben keine Zeit zu verlieren!"
Fest blickt er nochmals jedem in die Augen, das markante Kinn gebieterisch vorgereckt, bevor er die geheime Zusammenkunft schließlich auflöst.