Wien, meine Geburts- und Heimatstadt, beherbergte in der Rennweger Infanteriekaserne (3. Wiener Gemeindebezirk, Rennweg 93), in deren Nähe (im Fasanviertel) ich aufgewachsen bin, bis August 1914 den Stab, sowie das 2. und 3. Baon. des Wiener Hausregiments k.u.k. Niederösterreichisches Infanterie-Regiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4.
Der Rennweg ist, mit der ihn fortsetzenden Simmeringer Hauptstraße und der anschließenden Preßburger oder Hainburger Straße, eine alte Limesstraße, in Vindobona die Bernsteinstraße kreuzend nach Carnuntum, über Preßburg nach Ungarn führend, auf welcher noch in der Zwischenkriegszeit ungarische Steppenrindherden zum Schlachthof Sankt Marx getrieben wurden. Vor dem Aufschwung der Eisenbahn, als noch Wasserstraßen die Mobilität der industriellen Revolution gewährleisteten, führte ein Teil des Wiener Neustädter Kanals den Rennweg entlang, projektiert bis zur Adria, ausgeführt 63 km bis Wiener Neustadt, mündend von 1803 bis 1849 in den Hafen, an dessen Stelle der spätere (und bis heute an dieser Stelle befindliche) Bahnhof Wien Mitte errichtet wurde, von 1849 bis 1879 mündend in den Hafen auf den Aspanggründen, wo später der heute nicht mehr existierende Aspangbahnhof errichtet wurde.
In diesem Einzugsgebiet, von den Aspanggründen, quasi vis-à-vis der Rennweger Infanteriekaserne, bis zur
canabae legionis, der Lagervorstadt, an der Wien (ein kleiner Fluß zwischen dem Stubentor - der Renaissance-Befestigung - und Bahnhof Wien Mitte), befand sich die
Zivilstadt des
Legionslagers Vindobona, welches direkt am Ufer der damaligen Donau (dem heutigen Donaukanal) gelegen hat.
Dieses Legionslager beherbergte ein anderes "Wiener Hausregiment" einige Jahrhunderte lang:
Die LEGIO X GEMINA.
Die legio X wurde von Julius Caesar als legio X Equestris, als berittene Legion, gegründet, da er vermutlich seiner gallischen Reiterei mißtraute, und nahm mit der legio VII, legio VIII, und legio IX an der Invasion Galliens 58 v.Chr., und in den Schlachten von
Arar, von
Bibracte, im Elsaß
gegen sieben Stämme unter dem Suebenfürst Ariovist (Der Gallische Krieg I, 42-54),
von Axona [KARTE] teil.
In der
Schlacht an der Sambre 57 v.Chr. gegen die Nervier unter Boduognatus (Der Gallische Krieg II, 15-28)
[KARTE] schlug die legio X Equestris, unter dem Kommando des Legaten Titus Atius Labienus, mit der legio IX Triumphalis die feindlichen Atrebaten, eroberte das gegnerische Lager, bemerkte von ihrer erhobenen Position die prekäre Lage der legio XII Victrix und legio VII am rechten Flügel, der überrannt zu werden drohte, und führte mit einem Sturmangriff hügelabwärts in den Rücken der Nervier die Wende der Schlacht herbei.
Im Sommer des Jahres 55 v.Chr. versuchte Caesar die
erste Landung in Britannien mit der legio X Equestris und der legio VII (die spätere Claudia, 65 v.Chr. von Pompeius Magnus in Spanien aufgestellt). Der Landungsversuch wurde zunächst erfolgreich von den eingeborenen Britonen mit Geschossen unterbunden, da die Legionäre gezwungen waren an Land zu schwimmen und das tiefe Wasser fürchteten, bis der Adlerträger der legio X ins Wasser sprang und die Legionen zum Vorrücken ermutigte (Der Gallische Krieg IV, 25).
Die Legion trug ihren Teil bei den
Schlachten von Alesia und
Gergovia (beide um 52 v.Chr.) gegen Vercingetorix, sowie
Ilerda,
Dyrrhachium,
Pharsalos (alle 49/48 v.Chr.) gegen Pompeius Magnus. Es folgten der
afrikanische Feldzug, danach die
Schlachten bei Thapsus (im heutigen Tunesien) und bei
Munda (Südspanien, beide 46/45 v.Chr.) gegen Gnaeus Pompeius. Danach wurde die Legion aufgelöst und die Veteranen in der Provinz Gallia Narbonensis bei Narbo Martius (Narbonne) angesiedelt.
Im Winter 44/43 v.Chr. wurde die legio X von Lepidus wieder aufgestellt und focht für das 2. Triumvirat in der
Schlacht von Philippi (Makedonien, 42 v.Chr.). Danach folgte die Legion Marcus Antonius nach Mesopotamien zum
Partherfeldzug und der Invasion Armeniens. Nach der
Seeschlacht von Actium (zwischen dem Ionischen Meer und dem Ambrakischen Golf, 31 v.Chr.) ergab sich die Legion dem Octavian, welcher die Veteranen in Patras ansiedeln wollte, worauf die Legion rebellierte. Daraufhin wurde ihr der cognomen "Equestris" zur Strafe aberkannt, die Legion mit Soldaten anderer Legionen verstärkt und mit dem cognomen "Gemina" ("Zwilling") umbenannt.
Die legio X Gemina nahm in der Provinz Hispania Tarraconensis (Norden und Osten Spaniens, Norden Portugals, 25 v.Chr. eingerichtet) von 29 bis 19 v.Chr. am
Kantabrischen Krieg teil und blieb dort etwa ein Jahrhundert stationiert. Veteranen dieser Legion (sowie von der legio VI Victrix) waren die ersten Siedler von Mérida, Cordoba, und Saragossa.
Da gegen das Jahr 63 n.Chr. die legio XV Apollinaris aus Carnuntum nach Parthien abrückte, wurde die legio X Gemina nach Pannonien versetzt, wo sie nach wenigen Jahren wieder kurz nach Spanien abrückte, um 70 von Vespasian nach Germania inferior (Niedergermanien: Teile von Niederlande, Belgien, Deutschland westlich des Rheins) gesandt zu werden. Im Jahre 89 erhielt die Legion, nach der
Niederschlagung des Saturninusaufstands (mit legio I Minervia, legio VI Victrix, und legio XXII Primigenia), den Ehrentitel "Pia Fidelis Domitiana", wobei nach Verdammung (abolitio nominis) des Andenkens Domitians im Jahre 96 der Teil "Domitiana" getilgt wurde.
Eine Vexillation (Abteilung einer oder mehrerer Legionen) der legio I Minervia, legio VI Victrix und legio X Gemina wurde von Trajan beim
2. Dakerkrieg (105/106) eingesetzt. Gegen das Jahr 114 wurde die Legion nach Vindobona verlegt, wo sie die kommenden 300 Jahre verblieben ist. In den folgenden Jahren wurde die Legion mehrmals mit dem Titel "Pia Fidelis" (Pflichtbewußt und Treu) ausgezeichnet, Vexillationen kämpften im
Bar-Kochba-Aufstand (132-136) und im
Partherkrieg des Lucius Verus (162). Die Legion sicherte die Donaugrenze in den
Markomannenkriegen (166 bis 182) des Marcus Aurelius (und Commodus ab 180) gegen Markomannen und Quaden, Jazygen und Vandalen.
Septimius Severus, der Statthalter von Pannonia Superior, wurde von der Legion, nach Ausrufung zum Kaiser in Carnuntum April 193, unterstützt, nach Erlangung der Kaiserwürde ersetzte er Teile der Prätorianergarde durch Abteilungen aus der legio X Gemina. Caracalla verlieh ihr den Ehrentitel "Severiana Antoniniana", Alexander Severus "Severiana", Gordian III. "Gordiana", Decius "Deciana", Florinus "Floriana", Cariunus "Cariniana". Von Gallienus wurde die Legion für Parteinahme mit dem Namen "Pia VI Fidelis VI" (was bedeutet, daß die Titel "Pia II Fidelis II" bis "Pia V Fidelis V" in den 164 Jahren zwischen Domitian und Gallienus vergeben wurden) und Münzprägungen belohnt.
Mit der Heeresreform Diokletians (Kaiser 284 bis 305) wurde die herkömmliche Legionseinteilung aufgelöst, da sie den geänderten militärischen Verhältnissen nicht mehr entsprochen hat: Die Anzahl der Legionen wurde, bei gleichzeitiger Senkung (auf etwa 1000 Mann) der Sollstärke, erhöht (auf etwa 60), das
pilum, der Wurfspieß, durch die Stoßlanze, die
hasta (ein allgemein gebräuchlicher Begriff für "Speer", "Lanze", 2,5 bis 7 Meter lang, die einstige quiris), ersetzt, später durch die
plumbata (ein bleibeschwerter, kurzer Wurfpfeil), ebenso wie der
gladius, das Kurzschwert, durch das Langschwert, die
spatha, abgelöst wurde, und das rechteckige scutum, das gewölbte kaiserzeitliche (Turm-)Schild, durch die parma oder den clipeus, ein flaches Rundschild, welches mit einer Bemalung versehen wurde, die sich in der Notitia dignitatum (s.u.) überliefert hat. Der Habitus veränderte sich zur Beweglichkeit, Leichtigkeit der Rüstung: Der Spangenpanzer wurde aufgegeben (besonders nach der Schlacht von Adrianopel 378), die Panzerung durch Kettenhemden oder Schuppenpanzer ersetzt, die Fußtruppen verloren allmählich gegenüber der Reiterei stark an Bedeutung, bis schließlich Ende des 4. Jhdts. der numerus mit 300 Mann die Standardeinheit wurde (zum Vergleich: Ende des 1. Jhdts. betrug die Mannstärke des numerus 140 bis 160 Mann, zwei Zenturien einer Legion entsprechend).
Die römischen Legionen bis 260 n.Chr.
(Abszisse: Zeitverlauf von Augustus bis Gallienus, Ordinate: Anzahl der Legionen)
Um 320 wurde die römische Armee neuorganisiert: Grenzheer (Limitanei), Marschheer (Comitatenses, schnelles, standortungebundenes Bewegungsheer, strategisch im Hinterland positioniert) und Gardetruppen (Palatini), welche sich jeweils aus Vexillationen der bisherigen Legionen zusammensetzten, bildeten die Armee des römischen Reichs: Eine Vexillation der legio X Gemina ist im frühen 5. Jahrhundert in Vindobona als Limitanei bezeugt, eine andere Vexillation der Legion in den Notitia dignitatum (ein überliefertes römisches Staatshandbuch des späten römischen Staats, einem Organigramm entsprechend) als Teil der Comitatenses des "Magister militum per Orientem" ("Oberbefehlshaber der östlichen Heeresgruppe") angeführt.
Die Schildbemalung der legio X Gemina laut der Notitia dignitatum.
Grabstein eines Offiziers der in Vindobona stationierten legio X Gemina, im Mittelalter als Mühlstein verwendet (zu besichtigen im
Wien Museum - Römermuseum).
Einige Überlebende der Legion finden sich in
Deutschland, den
Niederlanden, und in
Italien.