Alle Wege führen nach Rom - XXXVII
Übersicht der Kriegsfreiwilligen
Esercito Italiano
Capitano Clone
aktuelle Verwendung: 3° Compania / I Battaglione / 1° Reggimento Celere / 1a Divisione Celere "Eugenio di Savoia"
Auszeichnungen:
Medaglia commemorativa della campagna di Spagna
Medaglia Di Bronzo Al Valore Militare, verliehen in der Schlacht um Teruel
Maggiore Deltadagger:
aktuelle Verwendung: III Battaglione / 5° Reggimento Alpino / 3a Divisione Alpina "Julia"
erste Verwendung: 4° Compania / III Battaglione / 5° Reggimento Alpino / 3a Divisione Alpina "Julia"
Capitano Tex Murphy:
aktuelle Verwendung: 1° Compania / II Battaglione / 3° Reggimento Celere / 3a Divisione Celere "Principe Amedeo Duca d'Aosta"
Auszeichnungen:
Medaglia commemorativa della campagna di Spagna
Medaglia D'Argento Al Valore Militare, verliehen in der Schlacht um San Sebastián de los Reyes
Mutilato In Guerra, verliehen in der Schlacht um San Sebastián de los Reyes
Tenente Headhunter:
aktuelle Verwendung: 1° Batteria / Gruppo Artiglieria Leggera / 3a Divisione Fanteria "Ravenna"
Tenente Maestro Privato:
aktuelle Verwendung: 3° Compania / II Battaglione / 3° Reggimento Alpino / 2a Divisione Alpina "Tridentina"
Tenente Colonnello Hohenlohe:
erste Verwendung: Reparto Operativo / Stato Maggiore Esercito
zweite Verwendung: Lehrer an der Accademia Militare di Modena, Spezialist für Ausbildung, Ausrüstung und Taktiken der Fanteria di Marina
aktuelle Verwendung: 2° Reggimento Fanteria del Marina
Capitano Von Retterling:
aktuelle Verwendung: Agent des Servizio Informazioni Militare (SIM), Gruppo 23
Medaglia Di Bronzo Al Valore Militare, verliehen nach der Eliminierung des Verräters Mancini in Ägypten
Capitano Hjalfnar:
aktuelle Verwendung: 3° Compania / III Battaglione / 2° Reggimento Celere / "Emanuele Filiberto Testa di Ferro"
Auszeichnungen:
Medaglia commemorativa della campagna di Spagna
Medaglia D'Argento Al Valore, verliehen in der Schlacht um Barcelona
Capitano Frisiercreme:
aktuelle Verwendung: 2° Compania / Battaglione Poggio Rusco / 185º Reggimento Ricognizione Acquisizione Obiettivi "Folgore"
Tenente Oertyzulu:
aktuelle Verwendung: 2° Compania / I Battaglione Indigeni "Turitto" / 1° Gruppo Battaglioni Eritrei / 2a Divisione Coloniale "Eritrea"
Maggiore Evilbeagle:
aktuelle Verwendung: Verbindungsoffizier im Forschungsministerium
Tenente Æxit:
aktuelle Verwendung: 2° Compania / I Battaglione / 4° Reggimento Celere / 3 Divisione Celere
Tenente HEF:
aktuelle Verwendung: 3° Compania / II Battaglione / 53° Reggimento 27a Divisione die Fanteria "Sila"
Regia Aeronautica
Tenente Bushi:
aktuelle Verwendung: 1° Squadriglia / I Gruppo / 4° Stormo "Amedeo d'Aosta"
Tenente Luigi Armistado
aktuelle Verwendung: 2° Squadriglia / III Gruppo / 14° Stormo "Rex"
Tenente Azrael:
aktuelle Verwendung: 3° Squadriglia / II Gruppo / 53° Stormo "Borea"
Tenente Spiegelfechter:
aktuelle Verwendung: 2° Squadriglia / I Gruppo / 1° Stormo "Aquila"
Aviazione Ausiliaria per la Marina
Tenente Litle-Man:
aktuelle Verwendung: 3° Squadriglia / II Gruppo / 46° Stormo "Pegaso"
Regia Marina
Tenente di Vascello Ritter Kunz:
aktuelle Verwendung: Caccia RM Freccia / Squadra di Tarento
Kriegskabinett
Benito Mussolini: Ministerpräsident, Oberkommandierender der Streitkräfte
Gian Galeazzo Ciano, Graf von Cortellazzo und Buccari: Außenminister
Ammiraglio Domenico Cavagnari: Oberkommandierender der Regia Marina
Ferrucio Lantini: Korporationsminister
Ugo Cavallero: Kriegsminister, Kommandeur der Armata di Riserva, Oberkommandierender des Esercito Italiano
Guglielmo Marconi: Forschungsminister
Italo Balbo: Luftfahrtminister, Oberkommandierender der Regia Aeronautica
Bruno Fornaciari: Innenminister
Generale Mario Roatta: Leiter des SIM
Generale Giovanni Messe: Kommandeur der Panzer-Armee, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe "Frankreich"
Conte di Bassewitz: Staatsekretär im Propaganda-Ministerium
26. März 1939
Capitano Hjalfnar lässt über seine linke Schulter einen prüfenden Blick durch den gut gefüllten Gastraum der Kneipe schweifen.
Natürlich war das
Esercito Italiano hier unter sich.
Nach einigen recht handfesten Konflikten zwischen Angehörigen der
Regia Aeronautica und des
Esercito Italiano samt erhehblichem Kollateral-Schaden hatten die Stäbe beschlossen, die Teilstreitkräfte zu trennen.
Jedenfalls im Urlaub.
Seither gab es in
Turin Kneipen und Restaurants für Heeres-Angehörige und andere, die dem Luftwaffen-Personal vorbehalten blieben.
Die Marine hatte in
Turin nichts verloren, was die Situation immerhin nicht zusätzlich verkomplizierte.
Natürlich hatten diese Maßnahmen nur dazu geführt, dass sich die Leute auf die Unterschiede innerhalb der eigenen Teilstreitkraft fokussierten.
Für Panzermänner wie
Hjalfnar war es völlig klar, dass man schon wirklich strohdumm sein musste, um als Infanterist seine blanke Haut zu Markte zu tragen.
Jeder mit etwas Grips würde sich natürlich der Panzertruppe anschließen, bei der Infanterie landeten also nur die Gipsköpfe, die keinen klaren Gedanken fassen konnten oder halt schlicht zu doof waren, um es zu den Panzern zu schaffen.
Da die meisten Panzermänner das ähnlich sahen, war das Verhältnis innerhalb des Heeres durchaus reichlich gespannt.
Daneben gab es ja auch noch die
Alpinista, die sich von je her als die natürliche Auslese des Heeres ansahen.
Sie blickten gleichermaßen auf die Panzertruppe, die in ihren Augen aus einer Horde von faulen Feiglingen bestand - ersatzweise aus feigen Faulenzern - wie auf die gemeinen Infanteristen herab.
In letzterem Punkt wussten sie sich immerhin weitgehend einig mit den Panzermännern.
Da die Infanterie aber nun einmal zahlenmäßig mit Abstand die meisten Männer der
Gruppo d'Armata di Franca stellte, die es ihrerseits überhaupt nicht schätzten, von diesen Schnöseln herabgewürdigt zu werden,
stellte sich ein heikles Gleichgewicht ein.
Auch wenn sich
Alpinista und Panzersoldaten nicht leiden konnten, zwangen sie doch die Machtverhältnisse wenn schon nicht im Felde, so doch in den Kneipen zur Zusammenarbeit.
Ein fragiles Bündnis, das jederzeit brechen konnte.
Insbesondere, wenn gerade mal keine Infanteristen zur Hand waren.
Zur Zeit befindet man sich in der von
Hjalfnar frequentierten Lokalität aber noch in der Sammlungs-Phase.
Man gießt sich ein Bier nach dem anderen in den Hals und unterhält sich mit Kameraden.
Am späteren Abend mag sich das durchaus ändern.
Mit genügend Alkohol im Blut mochte der eine oder andere den Wunsch nach einer handfesteren Form der Unterhaltung in sich aufsteigen spüren.
Dann hieß es, sich zu entscheiden: mitmischen oder sich rechtzeitig abseilen?
Hjalfnar wendet sich wieder der betont leise an einem Tisch in einer Ecke des Gastraumes geführten Unterhaltung zu.
Nach der Rückkehr aus
Spanien hatten sich einige Absolventen der
Accademia Militare zu einer Art Stammtisch zusammengefunden, um in Erinnerungen zu schwelgen.
Neben
Hjalfnar waren heute
Tex Murphy und
Clone zugegen.
Wie so oft geht es im vertraulich geführten Gespräch um Weltlage und globale Strategie, also durchaus ambitionierter Stoff, wie es sich für Offiziere des Königs ziemt.
Hjalfnar streicht sich nachdenklich durch den feuerroten Bart.
"
Mussolini hat uns mit der Münchner Konferenz endgültig in die Scheiße geritten!", zischt er schließlich verächtlich halblaut über das halbgefüllte Bierglas hinweg.
Im Allgemeinen verbreitet man sich in der Öffentlichkeit nicht groß über Politik.
Schon gar nicht, wenn man derartig exponierte Ansichten pflegt.
Das kann in
Italien schnell ungesund werden, auch für Offiziere und sogar für ausgewiesene Kriegshelden wie sie selbst.
Hjalfnar blickt sich herausfordernd um.
"Der will uns doch nur so schnell wie möglich in den nächsten Krieg stürzen, der dann wieder auf unserem Rücken ausgetragen wird!"
Tex Murphy runzelt bedenklich die Stirn.
Wenn er auch kein Anhänger der Faschisten ist, sieht er doch die großen Leistungen, die
Mussolini für
Italien erbracht hat.
"Der
Duce hat doch als Einziger in
München tatsächlich den Frieden bewahrt!", widerspricht er energisch, wenn auch in ebenso gedämpften Ton wie
Hjalfnar.
"Solange er an der Spitze steht, wird er keine Verwicklung
Italiens in einen großen Krieg zulassen !"
Nun beugt sich
Clone verschwörerisch vor.
"Es liegt doch alles an diesem verdammten
Hitler !", lässt er wissen.
"Der will nichts anderes als die Weltherrschaft und wird uns darüber alle ins Verderben stürzen! Und unsere Führung lässt sich doof wie Brot am Nasenring in den Untergang zerren!"
Nun ist es an
Hjalfnar, die Stirn in zweifelnde Falten zu legen.
Clone bedenkt seine beiden Kameraden mit bedeutsamen Blicken.
"Meine Schwägerin hat eine Freundin und deren Schwiegervater kennt einen, der im Außenministerium arbeitet", eröffnet er den staunenden Kollegen.
"Und der hat gesagt, dass
Hitler in
München vor lauter Wut in den Teppich gebissen hat !"
Clone lehnt sich zufrieden über diese vollendete Beweisführung in seinen Stuhl zurück und befeuchtet seine Kehle triumphierend mit einem weiteren Schluck Bier.
"In den Teppich gebissen ?", echot
Hjalfnar verwirrt.
"Warum sollte er denn in den Teppich beißen ?"
Clone sieht ihn irritiert an.
Zweifelt man etwa hier im engsten Kreis an seinem Wort?
"Das ist eine Metapher!", eilt
Tex Murphy zur Hilfe.
Nun starren beide Kollegen ihn verblüfft an.
"Ja, eine Metapher!", beschreitet
Tex den einmal eingeschlagenen Weg kühn weiter.
"Der Teppich steht für ... nun, ja, für
Frankreich natürlich!", lässt er siegessicher wissen.
Die Augen seiner Kameraden werden noch größer.
"... und
Hitler schlägt also seine Zähne hinein ... also gewissermaßen direkt in
Frankreich hinein, während die Briten nur hilflos zuschauen können, was ja nun bedeutet..."
"So ein Blödsinn !", braust
Clone auf.
Hjalfnar zischt missbilligend ob der unziemlichen Lautstärke und peilt schnell mit einem weiteren Blick über die Schulter, ob die kleine Gruppe vielleicht unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Tex lehnt sich beleidigt zurück, betont gleichgültig ebenfalls nach seinem Glas greifend.
"So ein Quatsch!", wiederholt
Clone noch einmal beträchtlich leiser.
"Er hat buchstäblich in den verdammten Teppich gebissen, nix Metapher !!"
"Aber warum sollte er das denn tun ?", fragt
Hjalfnar wieder ungläubig nach.
"War es vielleicht ein französischer Teppich ?"
Tex brummt ablehnend, während sich
Clone genervt die Rechte vor die Augen schlägt.
"Der spinnt halt einfach, verdammt noch mal !!", trompetet
Clone schließlich empört heraus, erneut entschieden zu laut für die Erörterung heikler politischer Themen.
"Er hat sich derartig aufgeregt, dass er völlig ausgerastet ist und dann einfach in den Teppich gebissen, wer weiß warum,
verdammte Scheiße, so war das eben, ist das jetzt klar !?!"
Erschrocken über die Vehemenz ihres Waffenbruders zucken
Hjalfnar und
Tex zurück.
Sie tauschen gerade einen Blick, um sich über den weiteren Umgang mit dem offenbar mental grenzwertigen
Clone zu verständigen, als hinter ihnen Geschepper und das Klirren zerbrechender Gläser hörbar wird.
Alle drei sehen interessiert in die Richtung der Geräuschquelle, ihren weltpolitischen Disput kurz beiseite schiebend.
Offenbar hat ein
Alpinista versehentlich im Vorbeigehen einen Infanteristen angerempelt der in seinem trunkenen Zustand einen Sturz auf den nächstgelegenen Tisch nicht vermeiden konnte.
Unversehens senkt sich bedrückende Stille auf den Gastraum herab.
Der Infanterist ist scheinbar bereits so Hacke, dass er sich selbst überlassen wohl einfach in seiner letzten Position liegen geblieben wäre.
Allerdings finden sich zahlreiche helfende Hände seiner Kameraden, die ihn wieder hoch zerren und in eine protokollarisch korrekte vertikale Haltung dem Sturzverursacher gegenüber bringen.
Schnell zählt
Hjalfnar durch.
6 Gebirgsjäger einserseits, 11 Infanteristen auf der Gegenseite.
Nach den wohl ungeschriebenen, aber doch verpflichtenden Regeln der labilen Allianz steuerte die Situation sehr schnell auf den Bündnis-Fall zu.
Er nickt seinen Kameraden kurz zu.
Die hohe Politik wird noch etwas warten müssen, nun, wo die Lage offenkundig jeden Moment operativ werden kann.
Die drei erheben sich betont gelassen.
Indessen hat sich der volltrunkene Infanterist auf den formell korrekten nächsten Schritt besonnen, der nun in seiner Verantwortung liegt.
"Kannst Du nicht aufpassen, Du dummes Schwein !?!", lallt er schwer verständlich aber durchaus im Einklang mit den Statuten.
Die Gebirgsjäger formieren sich langsam zu einem Halbkreis mit der Theke im Rücken und nehmen schon mal Maß.
Stühlerücken und Dielenknarren signalisiert, dass auch die Infanteristen in Sturm-Ausgangsstellung gehen.
Der grobknochige, sehnige Sergente der
Alpinista nickt gemessen, die Herausforderung offiziell zur Kenntnis nehmend.
Nun obliegt es ihm, diesen angetragenen Ehrenhändel mit einer gebührenden Erwiderung im Einklang mit Tradition und Ehre der
Alpinista zu beantworten.
"Pass halt auf, wo Du hinläufst, Du Sohn einer räudigen Hündin !!", versetzt er schließlich mit einem leichten Lächeln.
Clone schnalzt anerkennend mit der Zunge, während er vorbeugend eine leichte Verspannung der Schultern lockert.
Es wäre durchaus nicht notwendig gewesen, auch noch die Frau Mutter des Infanteristen in dieser Angelegenheit zu strapazieren.
Dass der Sergente auch unter dem Druck der Situation diesen Aspekt noch bedacht hat, macht erfreulich deutlich, mit welch professionellem Anspruch diese wackeren Kameraden zu Werke gehen.
Für einen kurzen Moment noch herrscht unerträglich angespannte Stille, bis sich schließlich ein Sottotenente der Infanterie mit einem befreiten Jauchzer auf den nächsten Gebirgsjäger stürzt, während der Sergente bereits dem besoffenen Infanteristen seine stahlharte Faust unter das Kinn hämmert.
Womit dieser auch gleich endgültig aus dem Spiel ist, aber seine Pflicht hat er ja erfüllt.
Clone, Tex und Hjalfnar stürmen indessen in Deltaformation vor, um im kühnen Stoß die rechte Flanke der verbündeten Alpinista zu entlasten.
Inzwischen hat der Wirt mit einem schnellen Absetzmanöver nach hinten durch die Küche auf die Straße retiriert, um dort Ausschau nach einer Streife der MP zu halten, bevor ihm diese Wahnsinnigen das Lokal noch komplett zerlegen.
Den dort flanierenden Passanten zeigt der aus dem heimeligen, auf alt getrimmten Lokal mit den schön warm erleuchteten Scheiben dringende Lärm an, dass sich hier das
Esercito Italiano wieder einmal intensiv im Kampfe übt.
Gott mochte den Franzosen und Briten beistehen, wenn man diese Meute erst von der Kette lassen würde !
04. April 1939
"Das ist nicht akzeptabel !", bellt
Ferrucio Lantini gereizt ins Telefon, bevor er wütend den Hörer auf die Gabel knallt.
Vor sich hat er die Terminpläne für die genehmigten und priorisierten Baumaßnahmen, die ihm Tränen der Wut in die Augen treiben.
Alles soll vorzugsweise gestern fertig sein, aber Arbeitskräfte, Maschinen und Ressourcen wachsen halt mal leider nicht auf den Bäumen.
Insbesondere diese ganzen
Funkmess-Stationen, die nun praktisch überall aus dem Boden sprießen sollen, verstopfen gründlich die Pipeline.
Dabei müsste man eigentlich noch die
Rüstungs-Industrie erweitern, um überhaupt eine Chance zu haben, bis zu dem vom
Duce in Aussicht gestellten Kriegsausbruch im kommenden Winter oder Frühjahr die Streitkräfte auf das notwendige Niveau auszubauen.
Wobei die Versorgung mit
synthetischem Treibstoff und vor Allem mit
synthetischem Gummi eigentlich sogar noch wichtiger waren.
Zusätzliche
Konsumgüter wären auch noch erforderlich, um den Handel mit dem Ausland auszuweiten.
Lantini weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf steht!
Vielleicht sollte er einfach vom Dach springen, um die Sache hinter sich zu bringen.
Er greift in die Schreibtisch-Schublade, um sich erst mal einen ordentlichen Grappa zu genehmigen.
05. April 1939
Mit einem zufriedenen Nicken entlässt
Benito Mussolini die
Daniele-Brüder und den Vorstand von
FIAT.
Als sich die Tür hinter den Unternehmensleitern - Chef war er im Grunde ja eh selber - wendet er sich dem neben ihm in einem bequemen Sessel sitzenden
Guglielmo Marconi zu.
"Sehen Sie, mein lieber
Marconi, es geht eben doch schneller, wenn man wirklich will!", belehrt er seinen Forschungsminister.
Wie üblich verzieht
Marconi keine Miene, obwohl ihm die Bemerkung durchaus gegen den Strich geht.
Natürlich kann der
Duce persönlich den Bossen der italienischen Industrie ordentlich den Kopf waschen, schließlich gebietet er ja über alle Machtmittel des Staates.
Als Forschungsminister kann er sich ein derartiges Vorgehen leider nicht erlauben.
Was solls, denkt sich
Marconi, Hauptsache die Entwicklungszeiten verkürzen sich so wie in dieser Besprechung abgestimmt.
Das hält ihm schon mal
Italo Balbo vom Hals, der in der Folge schneller an neue Maschinen kommt.
Sofern
Lantini sie denn bauen kann, woran Marconi leichte Zweifel hegt, aber das kann ihm egal sein.
"Wir sollten hinsichtlich der Bomber gleich das Eisen weiter schmieden, solange es noch heiß ist,
Duce", regt er an.
"Hmm, da haben Sie natürlich recht - wen brauchen wir dafür ?", fragt
Mussolini in Geberlaune zurück.
"Nun, hinsichtlich mittlerer Bomber und Flugboote wäre die
CRDA der passende Partner", fördert
Marconi aus seinem anscheinend unerschöpflichen Gedächtnis zutage.
Die renommierte ehemalige
Cantiere Navale Triesto (CANT) hatte sich Anfang der dreißiger Jahre durch den Zusammenschluss mit der im Schiffbau aktiven
Stabilimento Tecnico Triestino umorganisiert und firmierte seither unter
Cantieri Riuniti Dell`Adriatico (CRDA).
Eigentlich hatte man ein Auge auf die ursprünglich ebenso lukrativen wie zahlreichen Bauaufträge der
Regia Marina geworfen und sich sehr aussichtsreich positioniert.
Im Grunde waren die Verträge zum Bau neuer schwerer Kreuzer, U-Boote und sogar von Schlachtschiffen bereits unterschriftsreif gewesen, als
Mussolini persönlich der Marine ein Moratorium aufs Auge drückte.
In der Folge kam die
CRDA in ziemliche Schieflage und musste von der staatlichen
IRI stabilisiert werden.
Immerhin bestand ja langfristig durchaus noch Interesse an einer deutlichen Erweiterung der
Regia Marina, aber zur Zeit hatte noch das
Esercito Italiano und die
Regia Aeronautica Vorrang.
Bis es soweit war, musste man diese Firma also mit staatlichen Mitteln durchschleppen, ansonsten hätte man später keine Möglichkeit mehr, die
Marine zügig zu erweitern.
In sofern käme ein Auftrag für Entwicklung und Produktion von Bombern und Flugbooten, dem zweiten Standbein der Firma, natürlich sehr gelegen.
Entsprechend motiviert müsste man in Triest auch sein, spekuliert
Marconi, so dass bei diesem Geschäft für jeden etwas abfallen sollte.
"Gut - sonst noch jemand ?", nickt
Mussolini, nicht übermäßig interessiert.
Was auch immer dabei heraus kommt, für den vor der Tür stehenden Schlag gegen
Frankreich käme es mit ziemlicher Sicherheit zu spät.
Und um alles Andere konnte man sich auch später noch Gedanken machen.
"Nun,
Breda natürlich", fährt der
Forschungsminister gelassen fort.
"Die könnten sich einige Gedanken über Schlachtflugzeuge machen, was der vom Luftfahrtministerium favorisierten
Sturzkampf-Doktrin etwas mehr praktische Relevanz verleihen würde"
Die
Società Italiana Ernesto Breda per Costruzioni Meccaniche oder kurz
SIEB oder eben noch geläufiger nach ihrem Gründer schlicht "
Breda" ist als großer Mischkonzern so ziemlich in jeder interessanten Sparte aktiv:
Schiffe, Flugzeuge, Kriegsmateriel aller Art und auch einiges für den zivilen Sektor, wie zum Beispiel Lokomotiven.
Hier hat man staatlicherseits eh schon eine Menge laufen, gerade auch Rüstungsprojekte.
Nach
Marconis Dafürhalten ist
Breda ein durchaus brauchbarer Lieferant und ein wenig Wettbewerb zu
FIAT und
Macchi kann im Flugzeug-Bereich ja auch nicht schaden.
"Schön, dann werde ich die Herrschaften mal auf ein kleines Gespräch einladen", nickt der
Duce erneut gönnerhaft, bevor er auch
Marconi hinaus komplimentiert.
Es liegen schließlich noch entschieden dringlichere Themen an.
06. April 1939
Capitano Von Retterling nickt dem Schaffner auffordernd zu, der daraufhin von seiner Pfeife Gebrauch macht und erleichtert in einem Abteil verschwindet.
Von Retterling geht neben dem anrollenden Zug noch weiter den Bahnsteig entlang, wobei er sich in alle Richtungen umsieht.
Einerseits könnte noch ein Nachzügler im letzten Moment panisch angerauscht kommen, um es auf den letzten Zug aus
Prag heraus zu schaffen, andererseits könnten sich auch Ungelegenheiten in Form von bewaffneten Männern, ob nun Tschechen oder Deutsche einstellen.
Daher belässt er auch die ganze Zeit über die Rechte am Griff seiner unter der linken Schulter hängenden Browning.
Seine Befehle sind eindeutig:
Die auf einer leider recht umfangreichen Liste verzeichneten Personen sind samt familiären Anhang in den Zug zu verfrachten und dieser hat am Ende mit allen Passagieren
Konstanza am
Schwarzen Meer zu erreichen.
Von dort aus ginge es dann per Schiff nach
Tarent.
In dem Flottenstützpunkt würde man dann schon dafür Sorge zu tragen wissen, unerwünschte Nachfragen oder gar Zeugen für die Einreise dieser geheimnisvollen Passagiere zu vermeiden.
Sie würden schlicht vom Antlitz der Erde verschwinden.
Aber hinkommen müsste man erst einmal !
Wobei natürlich der Weg bis zur Grenze der in Auflösung befindlichen
Tschechoslowakai, oder wie die Deutschen es im Münchner Abkommen erreicht hatten, der
Tschecho-Slowakai, den bei Weitem gefährlichsten Abschnitt der langen Reise darstellt.
Der Rauch der Dampflok nebelt den Bahnsteig zusehends ein, während der Zug mit gelegentlich durchrutschenden Antriebsrädern weiter Fahrt aufnimmt.
Nach einem weiteren Kontrollblick über die Schulter winkt
von Retterling seinen gleich ihm noch neben dem Zug laufenden Leuten zu.
Die fünf mit offen getragenen Maschinenpistolen bewaffneten kantigen SIM-Agenten springen nach und nach auf, während ihr Kommandeur immer noch abwartet.
Für diese Aktion hat man seine
Grupppo 23 mit fünf weiteren Agenten verstärkt, die nicht weniger schwer bewaffnet in dem langen Zug verteilt dafür sorgen, dass dort alles glatt läuft.
Bis vor wenigen Minuten war es auf dem Bahnhof zugegangen wie im alten
Byzanz kurz vor dem Einmarsch der Türken.
Männer, Frauen, Kinder, Greise mit Gepäck aller Art und dazugehörigen Transportmitteln hatten sich in einem wilden Durcheinander auf dem Bahnsteig zusammengedrängt, um in letzter Minute aus
Prag heraus zu kommen.
Am heutigen Morgen hatte
Deutschland verkündet, dass man die
Tschechei kurzerhand als die
Reichsprotektorat Böhmen und Mähren ins
Deutsche Reich übernehmen würde, während die
Slowakai wohl ein unabhängiger Staat werden sollte.
Nun ja, mit der Unabhängigkeit würde es sicher nicht weit her sein.
Jedenfalls ist die
Tschechoslowakai damit liquidiert.
Der tschechische Ministerpräsident
Emil Hácha war von
Hitler derartig in die Mangel genommen worden, dass ihm faktisch nur eine bedingungslosen Kapitulation übrig blieb.
Der
Forschungsminister hatte sich schon seit längerer Zeit Gedanken über die Wissenschaftler gemacht, die vor Allem in
Prag im Umfeld der Universität lebten.
Die zu einem nicht geringen Teil zuvor aus
Deutschland genau dort hin geflüchtet waren.
Und die die Deutschen gerne wieder eingesammelt hätten.
Aus den unterschiedlichsten Gründen, wozu auch eine jüdische Herkunft zählte.
Für
Marconi hatte angesichts der Qualifikation der Leute keiner dieser Gründe irgendeine Bedeutung und offenkundig hatte er auch den
Duce diesbezüglich überzeugt.
Andererseits benötigte
Italien nämlich noch weit mehr Wissenschaftler, wollte man technologisch an der Weltspitze mitspielen.
Was dringend anzuraten war, wenn man ernstlich vor hatte, sich mit dem Westen anzulegen.
Mit der Billigung
Mussolinis war man auf
General Roatta zugegangen, der sich über die praktischen Details der Überführung dieser Wissenschaftler Gedanken machen sollte.
Vorzugsweise, ohne dass jemand davon etwas mit bekam.
Insbesondere die Deutschen nicht !
Roatta hatte daraufhin in Windeseile das
Unternehmen Arcobaleno auf die Beine gestellt, was sich nicht zuletzt in der Entsendung
von Retterlings und seiner Truppe niederschlug.
Forschungsministerium und lokale
SIM-Agenten hatten bei der Erstellung der Liste der zu evakuierenden Personen zusammengewirkt, wobei man auch die Mitglieder der Kernfamilien bedacht hatte.
Schließlich sollten die Wissenschaftler sich ja an ihrer neuen Wirkungsstätte wohl fühlen, um produktiv zu arbeiten und dafür war es sicher besser, wenn sie sich keine Sorgen über das Schicksal ihrer nächsten Verwandten in deutschen KZs machen mussten.
So kamen schließlich knapp vierhundert Personen zusammen, die man nun samt weniger Habseligkeiten eiligst in diesen letzten Zug verfrachtet hat.
Auf dem Bahnsteig liegt immer noch alles mögliche Zeugs herum, dessen Mitnahme
von Retterling verweigert hatte, weil schlicht und einfach kein Platz dafür vorhanden war.
Indessen rücken die deutschen Truppen zügig auf
Prag vor und sind tatsächlich nur noch wenige Kilometer entfernt.
Also muss der Zug schleunigst aus der Stadt heraus, dann aus der untergehenden
Tschechei und schließlich noch quer durch die
Slowakai, ob nun selbständig oder nicht, um endlich die
rumänische Grenze zu erreichen.
Während sich
Ungarn und
Polen ebenfalls noch um einige Fleischfetzen des abgenagten Kadavers der
ČSR balgen.
Zu den
Rumänen hatte man gute Kontakte, daher war dort alles vorbereitet.
Der
SIM hatte
von Retterling auch reichlich ausgestattet, um unterwegs Ungelegenheiten aus dem Weg zu räumen.
Waffen natürlich, jede Menge.
Diese durften aber nur im äußersten Notfall eingesetzt werden, hinterließen sie doch leicht auffindbare Spuren in Form von Leichen.
Stattdessen sollten britische Pfund den Weg bereiten, von denen
von Retterling gleich einen ganzen Koffer voll zur Hand hat.
Neben anderer Aspekte gedenkt man so auch, den eigentlichen Urheber der Aktion wirksam zu maskieren.
Sollen sich die Nazis doch den Kopf über die Briten zerbrechen !
Nun wird es auch für den inzwischen rennenden
von Retterling buchstäblich höchste Eisenbahn, das Ende des Bahnsteiges kommt unerfreulich nahe und der Zug wird allmählich zu schnell.
Die Rechte lässt die Browning los, die Linke greift nach einer Haltestange.
Mit einem Sprung lässt der
SIM-Agent den gerade so eben noch tschechischen Boden hinter sich und zieht sich in die letzte offene Tür.
Unter schrillem Pfeifen verlässt der letzte Zug Prag, in dessen Vororte bereits deutsche Truppen einrücken.
Diesmal wehen keine deutschen Flaggen zur Begrüßung.
Wut und Fatalismus schlagen den deutschen Eroberern entgegen.
Von Retterling windet sich durch die auf den Gängen zusammengepferchten Flüchtlinge nach vorne, wo der
SIM sein Hauptquartier im ersten Abteil aufgeschlagen hat.
10. April 1939
Benito Mussolini und
Gian Galeazzo Ciano verfolgen in den bequemen Sesseln einer Sitzgruppe im Büro des
Duce die im Rundfunk übertragene Rede
Neville Chamberlains vor dem britischen Unterhaus.
Graf Ciano hatte seinem Schwiegervater geraten, sich diese Rede persönlich anzuhören, da er einige dunkle Erwartungen über deren Inhalt hegt.
Da beide fließend Englisch sprechen ist das kein Problem.
Nur die Störgeräusche erschweren es, den Ausführungen des britischen Premiers zu folgen.
"...
versichern wir der polnischen Regierung jeden erforderlichen Beistand in jeglicher Form durch die britische Regierung und die britischen Streitkräfte, sollte sich die polnische Regierung zu einer militärischen Verteidigung der Souveränität Polen gezwungen sehen..."
Rauschender Beifall des Unterhauses unterbricht den Vortrag Chamberlains.
Natürlich lässt sich per Radio schwer beurteilen, wie groß der Anteil der Beifallspender ist.
Andererseits sind die britischen Abgeordneten dafür bekannt und gefürchtet, aus ihren Herzen keine Mördergruben zu machen - Missfallenskundgebungen sind jedoch nicht zu vernehmen.
Graf Ciano flucht leise vor sich hin, während
Benito Mussolini die Stirn grübelnd in Falten legt.
Hitler umgarnte seit Jahren die
Polen in dem Versuch, sie zu einem gemeinsamen Marsch nach Osten zu verleiten.
Was den entschiedenen Vorteil böte, zumindest vorübergehend ohne einen Zweifrontenkrieg auszukommen, falls man sich mit
Frankreich messen müsste.
Auch könnte man einen entschieden größeren Teil der deutschen Truppen im Westen stehen lassen, falls man sich zuerst die Russen vorknöpfen wollte.
Wenn man aber gegen
Polen marschieren müsste, hätte man im Westen die
Franzosen und im Osten noch zusätzlich die
Russen gegen sich.
Da die
Briten ja nun offenbar auch gerne mitmischen würden, wäre das Resultat ein Untergangs-Szenario für das
Deutsche Reich.
Und natürlich auch für
Italien, wenn man denn dort dumm genug wäre, die geheimen Zusatz-Artikel des
Stahlpaktes einhalten zu wollen.
Andererseits ist das genau die Lage, die
Mussolini im Sinne hatte, um endlich einen ordentlich Schritt auf dem Weg zur Errichtung eines
neuen Römischen Reiches zu machen.
Allerdings hatte er auf
Hitlers Versicherungen vertraut, die ein verbündetes
Polen in Aussicht stellten.
Wenn aber
Briten und
Franzosen eine Garantie für
Polen aussprechen, gibt es für
Polen keinen sonderlichen Zwang, sich mit den
Deutschen zu einigen.
Die
Russen konnte man eh nicht leiden.
Also würde dieser
Oberst Beck einfach auf seinem Hintern sitzen bleiben, während
Briten und
Franzosen den
Deutschen und
Italienern entgegen träten.
Mit den
Russen als dunkle Bedrohung im Hintergrund !
Mussolini schüttelt gereizt den Kopf.
Wie konnte der britische Premier so dämlich sein, den Polen einen Blanko-Scheck auszustellen?
Von britischen Bedingungen war nirgendwo die Rede !
"Sieh zu, dass Du umgehend einen Termin auf dem Obersalzberg bekommst !", weist er seinen Schwiegersohn an.
"Mich interessiert brennend, was dieser große Führer zu diesem Schlamassel zu sagen hat !"
Graf Ciano nickt schicksalsergeben, seine Zigarette im versilberten Aschenbecher auf dem Beistelltisch ausdrückend.
Schon wieder in das Reich des Bösen!
Zu diesen verdammten Deutschen!