Der Rest des Tages bleibt ruhig.
Eigentlich ist es fast leichtsinnig, tagsüber bei klarem Wetter und bester Sicht aufgetaucht vor der gegnerischen Küste zu operieren, aber genau damit scheinen die Briten nicht zu rechnen.
22.3.
Der Vormittag vergeht ebenfalls ruhig.
Ich nutze die Zeit um das KTB auf den neuesten Stand zu bringen.
Dann ,um 15.02 Uhr –
Schiff gesichtet!
Nach der Meldung eines unserer Wachgänger bin ich in wenigen Augenblicken auf der Brücke.
Mast und Rauchfahne in ca.260°, informiert mich der 2WO.
Schnell habe ich das Schiff im Glas.
Ein Frachter ist das nie und nimmer, brumme ich.
Sieht eher nach einem Zerstörer aus – Alarmtauchen!
In wenigen Sekunden ist die Brückenwache im Turmluk verschwunden.
Noch bevor ich in der Zentrale ankomme merke ich, das das Boot ankippt.
Auf 15 Meter einpendeln! Schleichfahrt! Ruder hart backbord! Neuer Kurs 70°, sind meine nächsten Anweisungen.
Ich will in den eher flachen Küstengewässern keine Grundberührung riskieren und, falls nötig, schnell auf Sehrohrtiefe kommen können, andererseits eine Sichtung des Turms vermeiden.
Nachdem sich das durch den Tauchvorgang aufgewühlte Wasser beruhigt hat, ist das Schiff schnell zu hören.
Schnelldrehende Schrauben, eindeutig ein kleineres Kriegsschiff, meldet Bootsmann Creutz am Horchgerät.
Kommt auf uns zu, wandert leicht nach Steuerbord.
In mir beginnt es zu arbeiten.
Dass unser Boot gesichtet wurde, halte ich aufgrund der fehlenden Luftüberwachung für unwahrscheinlich.
Da es sich um lediglich ein einzelnes Kriegsschiff handelt, das außerdem nicht genau, sondern nur ungefähr auf uns zuhält, könnte es auf regulärer Patrouillenfahrt sein. Ob man dort an Bord von den Versenkungen und somit der Anwesenheit eines U-Bootes weiß, bleibt unklar.
Aber diese Chance will ich mir nicht entgehen lassen.
Zwei Dez nach Backbord auf Kurs 90°! Auf Sehrohrtiefe, aber schön vorsichtig! Torpedoraum in Bereitschaft!
Nach wenigen Minuten auf dem neuenKurs ist Karl Creutz und dem 3WO Fritz Friederichs klar, dass der Kontakt stärker auswandert als gedacht. Ich drehe daher nach Süden, um die Distanz zu verringern.
Wenig später habe ich das Schiff – wie vermutet ein Zerstörer – im Sehrohr.
Hunt-Klasse, Tiefgang 2,4 Meter – Rohr 3 klarmachen! Magnetzünder, Tiefe 3,5 Meter! Rohre 1 und 2 in Bereitschaft halten!
Einen Zerstörer mit Aufschlagzünder zu treffen ist zwar theoretisch möglich, in diesem Fall aber wäre der Winkel beim Auftreffen wohl zu spitz.
Außerdem besteht die Gefahr, dass der Torpedo durch die notwendigerweise geringe Lauftiefe vom maximal 1 Meter die Wasseroberfläche durchbricht und vom Zerstörer entdeckt wird, der dann ausweichen und uns angreifen könnte.
Um 15.42 Uhr verlässt der Aal das Torpedorohr.
Trotz der Blasenspur bleibt er unentdeckt –
Treffer.
Diesel Mal hat der Zünder richtig funktioniert.
Durch die Detonation wird der Kiel des Kriegsschiffes zerrissen.
Der Zerstörer neigt sich nach Steuerbord …
und kentert mit abgesunkenem Heck in wenigen Minuten.
Währenddessen erschüttern weitere Detonation das gesunkene Schiff.
Nach der ersten Versenkung eines gegnerischen Kriegsschiffes durch U1 laufe ich weiter auf dem geplanten Kurs nach Süden, bleibe allerdings bis zu Dunkelheit unter Wasser.
Erst um 21.00 Uhr tauche ich auf. Unser Dieselreserve liegt bei kanpp 50%.
Schon 20 Minuten später kommt eine neue Sichtmeldung herein.
Das nördlich stehende Schiff läuft südwestlichen Kurs.
Ist zwar ein Umweg, meine ich nach einem Blick auf die Karte,
aber noch machbar – Abfangkurs!
23.3.
Um 3.11 Uhr steht U1 nach unseren Berechnungen weit vor dem gemeldeten Schiff.
Trotz guter Sicht gehe ich auf 20 Meter Tiefe, um unser Horchgerät effektiv einsetzen zu können.
Aber erst knapp eineinhalb Stunden später ist der Kontakt hergestellt, westlich des berechneten Kurses.
Ich drehe nach Südwesten und eine weitere Stunde später ist das Schiff in Sicht.
Das Ziel erweist sich als Schlepper, nur etwas mehr als 1000 Tonne groß und eigentlich keinen Torpedoeinsatz wert.
Aber da unsere Dieselreserve auf ca. 40% gesunken ist und wir ohnehin bald den Heimweg antreten müssen, entscheide ich mich trotzdem zum Angriff.
Allerdings stehen wir nicht günstig, daher tauche ich auf, um das Boot seitlich vor den Schlepper zu steuern.
Gegen 6.15 ist der Schlepper nur noch etwa 1500 Meter entfernt, ohne dass er uns entdeckt hat.
Rohr 2 klarmachen, Aufschlagzünder, Tiefe 2 Meter!
Erst bei einer Entfernung von knapp 1000 Metern beginnt der Schlepper zu zacken.
6.22 Uhr.
Rohr 2 los!
Ich schieße den Torpedo so, dass er das Ziel möglichst im 90°-Winkel trifft.
Aber ein kleiner Schlepper ist relativ wendig.

Der Schlepper fährt Zickzack-Kurs, rechts die Blasenspur des Torpedos
Knapp hinter dem Heck des Schiffes läuft der Aal ins Leere.
Der Winkel passte, offenbar hat der Schlepper seine Fahrt erhöht.
Ich verzichte auf einen zweiten Versuch und gebe den Befehl zum Rückmarsch nach Wilhelmshaven.
Das hat mehrere Gründe:
Erstens hat ein weiterer Angriffsversuch auf ein kleines, wendiges und zudem gewarntes Schiff nach meiner Einschätzung kaum Aussicht auf Erfolg.
Zweitens besteht die Gefahr, dass der Schlepper Kriegsschiffe alarmiert, gegen die wir uns mit nur einem verbleibenden Torpedo kaum wehren könnten.
Drittens geht unser Treibstoff allmählich zu Neige.
Daher laufe ich solange es gehrt mit äußerster Kraft ab.
Um 9.20 erreicht uns eine weitere Sichtmeldung.
Das direkt vorausstehende Schiff läuft nach Südwesten und ist für uns erreichbar.
Den nehmen wir noch mit – Abfangkurs!
Doch wieder haben wir kein Glück.
Kurz nach der Kursänderung schreit der Wachhabende 2WO auf –
Fliegeralarm!
Ruder hart Steuerbord! Flakgeschütz besetzten!
Eine Swordfish, mit Fliegerbomben statt dem standardmäßigen Torpedo bewaffnet, kommt aus der Sonne auf uns zu.
Zum Tauchen ist es zu spät.
Noch bevor das Flakgeschütz klar ist, schlägt eine Bombe etwa 50 Meter neben dem Boot ein.
Da kommen noch zwei, meldet einer der Wachposten.
Goldbeck – was ist mit der Flak, brülle ich vom Turm herunter zum Vordeck.
Ladehemmung, kommt die Antwort von unserem Flakschützen, Bootsmann Johann Goldbeck.
Ich reagiere sofort:
Ruder hart Steuerbord!
Schon sind die beiden Flugezuge heran.
Zum Glück für uns wirft nur eines eine Bombe, die allerdings wesentlich dichter sitzt als die erste.
Wie durch ein Wunder bleiben alle Männer unverletzt, auch am Boot gibt es keine Schäden.
Und die drei Flugzeuge haben noch nicht wieder auf uns eingedreht.
Ich nutze die Chance –
Alarmtauchen!
Wenige Augeblicke später ist U1 Von der Oberfläche verswchwunden.
Mit kleiner Fahrt, um Batteriestrom zu sparen, gehe ich wieder auf Heimatkurs.
Bomben fallen keine mehr.
Erst um 21.15 Uhr, als Strom und Sauerstoff zu Neige gehen, tauchen wir wieder auf.
Mit halber Fahrt geht es weiter.
24.-26.3.
Der Rest der Rückfahrt verläuft ruhig, auch das Wetter hält sich.
Sichtmeldungen gibt es keine mehr.
Um 9.52 Uhr am 25. März ist die Dieselreserve auf 25% gesunken – mehr als genug für den restlichen Weg.
27.3.
Es ist geschafft.
Um 4.05 Uhr an diesem Mogen legen wir in Wihelmshaven an.
Damit ist die 6. Feindfahrt von U1 beendet.
Mittlerweise habe ich mich fast daran gewöhnt, dass bei unserer Rückkehr viele Menschen warten und der Flottillenchef nicht der erste ist, der uns begrüßt. Auch dieses Mal muss er Konteradmiral Dönitz den Vortritt lassen.
Nach der offiziellen Brgüßung folgt dessen Ansprache.
Oberleutnant Hansen!
Sie haben mit ihrer Besatzung und ihren kleinen Boot erneut eine erfolgreiche Feindfahrt absolviert und als zweiter U-Boot-Kommandant die 100.000-Tonnen-Marke überschritten. Ich darf daher bekanntgeben, dass der Führer Sie in Berlin mit dem Eichenlaub mit Schwertern zum Ritterkreuz des eisernen Kreuzes auszeichen wird.
Herzlichen Glückwunsch Oberleutnant Hansen!
Ergebnis:
Zwei Fachter mit zusammen 14355 BRT wurden auf dieser Fahrt versenkt, dazu kommt ein Zerstörer mit 1000 BRT.
Neben den Schwertern erhalte ich auch das Deutsche Kreuz in Gold.
Neben einem U-Boot-Kriegsabzeichenund mehreren U-Boot-Frontspangen für die Besatzungsmitglieder wird Bootsmann Adolf Conrad aus der Brücenwache zum Stabsbootsmann befördert.
Auf der Tonnage-Rangliste liegen wir weiter knapp hinter Herbert Schultze auf Platz 2.
