In gespannter Erwartung schritt Major von Arckendorf die Treppen im Residenzschloss Posen hinauf. Während ihrer Anreise hatte der Leutnant ihm noch einige Details zum gestrigen Anschlag in der bosnischen Hauptstadt genannt. Anscheinend war das Attentat von einem serbischen Nationalisten mit dem Namen Gavrilo Princip verübt worden.

Ob, und wenn ja wie stark der serbische Staat darin verwickelt war, ließ sich zu diesem Zeitpunkt wohl schlecht sagen. Die letzten Jahre hatten jedoch gezeigt, dass man bei Geschehnissen auf dem Balkan immer das schlimmste vermuten musste.

Arckendorf war in politischen Fragen nicht wirklich erfahren und er überließ den Bürokraten nur zu gern die Führung in solchen Situationen, aber eines wusste er genau: sollte die Politik versagen, würde es der Generalstab schon richten.
Er trat in die Räumlichkeiten des Generalstabs ein und begrüßte die anwesenden Männer mit einem kurzen Kopfnicken.
Er ließ seinen Blick durch den Raum wandern. Außer ihm selbst und Moltke waren außerdem zwei weitere Generalstabsoffiziere, drei Heeresoffiziere, die er nicht kannte und ein Marineoffizier anwesend.
Moltke erhob zuerst das Wort: „Ah ja Arckendorf, da sind Sie ja. Bitte kommen Sie zu uns. Der Kaiser ist bereits nach Berlin abgereist, aber der Rest des Generalstabs hier folgt ihm erst morgen nach. Wir verlegen unseren Sitz fürs Erste nach Berlin, bis die Situation klarer ist.“
„Mit „klarer ist“ meinen Sie, dass dann Krieg herrscht?“, fragte Arckendorf ein wenig provokant.
„Nicht notwendigerweise. Wir müssen lediglich wissen, ob es Krieg geben wird oder nicht. Der Rest folgt dann natürlicherweise.“
„Sie reden so selbstverständlich vom Krieg“, warf der Marineoffizier ein, „ich hege aber arge Zweifel, dass dieser Zwischenfall notwendigerweise zu einem Krieg führen soll. Und selbst wenn, dann wahrscheinlich ohne unsere Beteiligung.“
„Das ist ja wohl eine völlig naive Sichtweise!“, warf Major Gertel, ebenfalls Mitglied des Großen Generalstabs und Arckendorf wohl bekannt, erregt ein, „Die Österreicher werden das Attentat den Serben in die Schuhe schieben und es als willkommenen Anlass sehen, einen Krieg gegen den unliebsamen Nachbarn anzuzetteln. Russland wird Serbien unterstützen und dann stehen wir in der Zwickmühle. Unsere Bündnispflichten gegenüber Österreich und die allgemeine Haltung des Volkes werden uns geradezu in einen Krieg drängen.“
...
Major von Arckendorf schwirrte fürchterlich der Kopf, als er nach der mehrstündigen Versammlung schließlich ans Freie kam. Er sog gierig die frische Luft ein und ging ein Stück spazieren. Er bewunderte einmal mehr die Schönheit der altdeutschen Stadt und wurde sich zum ersten Mal schmerzlich bewusst, was ein Krieg für die Deutschen eben auch bedeuten würde....






