29.10.
Im Laufe der Nacht lässt das schlechte Wetter mit seinen starken Regenfällen allmählich nach, bis der Himmel zum frühen Morgen hin schließlich seine Pforten gänzlich schließt.
Um 06.00 Uhr Morgens befindet sich U-2503 unter dem Kommando von Kapitän Paulsen auf Position 8̊55' West zu 58̊21' Nord, rund 170 Seemeilen westlich von Stornoway.
Etwa gegen Mitternacht sollten wir unser neues, selbstgewähltes Jagdrevier erreichen.
Um nicht entdeckt zu werden, operieren wir weiterhin fast durchgehend getaucht unter Zuhilfenahme der Schnorchelanlage.
Sobald wir in den kommenden Stunden noch dichter an die Küste herankommen, werden wir tiefer abtauchen und vollständig auf die beiden E-Maschinen umschalten. Die neuartigen und in großer Stückzahl an Bord verbauten Akkumulatoren erlauben U-2503 auch getaucht ein schnelles Vorankommen und einen ausgedehnten Operationsradius unter Wasser. Erst im Schutze der Dunkelheit werden wir die Akkumulatoren wieder in Schnorchelfahrt über die Dieselmaschine laden.
30.10.
Um kurz vor 01.00 Uhr, in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1944, erreichen wir schließlich, wie geplant das Seegebiet zwischen der Nordwestküste Schottlands und der Inselgruppe der Äußeren Hebriden. Zwischen der Küste und den Inseln verläuft eine vielbefahrene Schifffahrts- und Konvoiroute durch die küstennahen, britisch kontrollierten Gewässer.
Wir haben unsere Position erreicht Herr Kapitän, meldet Leutnant Weber.
”Willkommen in “The Mich” oder auch dem Skotlandsfjord, wie es aus dem Altnorwegischen heißt. I.WO...setzen sie einen Suchkurs. Wir arbeiten uns von Nordwesten nach Südosten durch. Wir tauchen, jetzt im Schutze der Nacht kurz auf, um Radarpeilungen durchzuführen. Anschließend bleiben wir wieder getaucht und sehen, ob wir über die Horchgeräte etwas auffangen können. An die Arbeit!”
Zu Befehl Herr Kapitän! Klarmachen zum Auftauchen! Alle Mann auf Stationen...Deckwache antreten...auf Rotlicht schalten!
Radareinsatz...leider erfolglos...keine Echos
Die Radarpeilungen bleiben erfolglos.
Nach gut 20 Minuten an der Wasseroberfläche ohne empfangbare Radarechos, breche ich die Suche ab und lasse das Boot wieder tauchen, um unser Glück mit dem Unterwasserhydrophon zu versuchen. Selbst in der vermeintlich schützenden Dunkelheit möchte ich mich ungern, so dicht vor der feindlichen Küste aufgetaucht zeigen, besteht doch so immer die Gefahr, dass uns ein Kriegsschiff oder einer der häufiger werdenden Nachtjäger anpeilt und auf die Idee kommt, zu überprüfen, wer oder was sich dort mitten in der Nacht herumtreibt.
Jetzt, in der schützenden Dunkelheit wieder mit Schnorcheleinsatz und mit arbeitenden Dieselmaschinen, kreuzen wir durch den nächtlichen Skotlandsfjord, auf der Suche nach lohnender Beute. Die Wasserstraße erstreckt sich über eine Länge von etwa 110 Kilometern und eine Breite zwischen 30 und 70 Kilometern. Ein überschaubares Jagdrevier, in dem es sich nur bedingt verstecken lässt. Doch dies gilt für beide Seiten, sowohl uns, als auch unsere erhoffte Beute.
Um 04.15 Uhr, etwa zwei Stunden bevor sich die Sonne langsam über den Horizont schiebt, passiert es dann endlich. Fast schon früher und schneller, als wir es uns eigentlich erhofft hatten.
Horchkontakt...
Wir plotten die Bewegungen des Kontaktes mit, um Kurs und Geschwindigkeit des Zieles zu ermitteln. So ist es anschließend nur noch etwas Kopfrechnen, um Abfangkurs und Zeitpunkt zu errechnen.
Sonar an Kommandant...einzelner, schwacher Horchkontakt...Peilung 102 Grad...große Entfernung.
Sofort ist die gesamte Mannschaft hellwach.
Alle Ohren sind gespitzt. Gespanntes Lauschen auf jede Information und jeden Befehl. Auch die Männer, die gerade noch, erschöpft von ihrer Wache, in ihren Kojen schlummerten, sind auf einen Schlag putzmunter und gespannt.
Bei unserem Glück wahrscheinlich ein verdammter Zerstörer, flüstert der junge Matrose Pronold halb in der Koje liegen, halb auf dem Sprung zu seinem Nebenmann auf der anderen Seite des Ganges.
Er bekommt keine Antwort.
Die Männer um ihn herum schweigen und lauschen angestrengt auf das, was ein paar Meter weiter in der Zentrale und dem dahinter liegenden Horchraum passiert.
”Kriegsschiff oder Frachter?!”
Der Sonarmaat lässt sich Zeit mit der Antwort.
Er justiert noch einmal seine an der Bugunterseite des Bootes angebrachten Horchköpfe und lauscht angestrengt auf das schwache, nur für geübte Ohren wahrnehmbare Geräusch.
Frachter, Herr Kapitän! Einzelfahrer, wie es aussieht. Zumindest höre ich nur das eine Geräusch.
”Gute Ohren Junge, verdammt gute Ohren! Dranbleiben und weiter Kontakt halten.
I.WO...Kursänderung 100 Grad Backbord. Wir gehen auf Abfangkurs...den holen wir uns!”
Während wir ständig den Horchkontakt halten, nähern wir uns getaucht an unsere Beute an.
Minute für Minute kommen wir dem ausgemachten Schiff näher, ohne jedoch bereits im Detail zu wissen, mit wem wir es genau zu tun haben.
Nach etwa 45 Minuten auf Abfangkurs, liegen wir schließlich in aussichtsreicher Angriffsposition und warten nur noch darauf, dass der nichtsahnende Frachter, den wir erwarten, uns die letzten Meter von alleine vor die schussbereiten Bugrohre läuft.
In Angriffsposition...noch knapp 2000 Meter bis ideale Schussposition
Das Schrauben- und Antriebsgeräusch des sich nähernden Schiffes ist inzwischen, auf diese kurze Distanz auch mit bloßen Ohren an Bord von U-2503 zu vernehmen. Auch ohne ausgebildete Horcher und Sonarspezialisten zu sein, sind die Männer an Bord doch lange genug dabei, um zu erkennen, dass wir es wirklich nur mit einem Frachter und nicht mit einem gefürchteten Zerstörer oder ähnlich schlimmen zu tun haben.
”Maschinen Kleine Fahrt...Sehrohr ausfahren!
Wird Zeit, dass wir uns mal ansehen, was wir dort oben denn genau haben.”
Blick durch das Sehrohr in die Nacht
Langsam lasse ich das ausgefahrene Periskop kreisen.
Trotz Rotlicht in der Zentrale brauche ich ein paar Augenblicke, bis sich meine müden Augen an die vorherrschende Dunkelheit und Schwärze der Nacht, an der Wasseroberfläche gewöhnt haben und ich etwas erkenne.
”Hmm...da...da ist er ja. Ein dicker, fetter Frachter an Steuerbord querab.
Hält brav auf unseren Bug zu. I.WO...das Erkennungshandbuch...schnell!”
Eilig blättere ich in dem dicken Wälzer, in welchem die unterschiedlichsten Schiffe und Schiffstypen aus aller Herren Länder mit ihren wichtigsten Daten verzeichnet sind.
Eine Seite vor, zwei wieder zurück, dann habe ich ein passendes Gegenstück gefunden, obwohl es in der Dunkelheit nicht leicht ist, Details auf dem vermeintlichen Frachter auszumachen, welche die Identifizierung erleichtern. Doch je näher das Schiff uns kommt, desto mehr lässt sich erkennen.
”Mhm...das muss unser Freund sein. Kommt dem, was da gerade vor uns herumschippert zumindest am nächsten. Norwegischer Handelfrachter...8.000 Tonner. Ein hübscher Brocken für den Anfang, was Männer?!”
Norwegischer Handelsfrachter...ein tiefstehender Mond spendet spärliches Licht
Rege Betriebsamkeit an Bord
An Bord des Norwegers herrscht indes, schon so früh am Morgen, es ist kurz nach 05.00 Uhr Morgens, rege Geschäftigkeit. Matrosen sind an Deck zugange und verrichten ihre tägliche, oft eintönige Routine an Bord eines Handelsschiffes. Noch niemand an Bord des Norwegers scheint zu ahnen, in welcher Gefahr Schiff und Besatzung, trotz der Nähe zu der vermeintlich sicheren britischen Küste wirklich schweben.
Die Würfel des Schicksals waren gefallen.
Fortsetzung folgt...