Gasparius hat geschrieben:
Mich würde auch mal interessieren, wie Bismarck oder seine Nachfolger es geschafft haben, den Zwist mit Österreich beizulegen und dieses Bündnis nach '66 zustandezubringen, falls das jemand hier weiß...
Gruß
Vereinfacht ausgedrückt hatte Bismarck leichtes Spiel mit Österreich.
1. Kaiser Wilhelm I und seine Generäle wollten nach Königsgrätz auf Wien marschieren was Bismarck total ablehnte. Auch der Kompromiss von Moltke "nur" über die Donau zu gehen wurde von ihm scharf kritsiert und er drohte mal wieder mit Rücktritt als Reichskanzler. Diese "gönnerhafte" Laune war aber keinesfalls sein Friedenswillen untergeordnet sondern entsprach der wachsenden Unruhe in Rußland. Rußland wollte zwar Österreich schwächen, jedoch nicht auf Kosten seines anderen Nachbarn Preußens.
Also, die militärischen Möglichkeiten wurden 1866 nicht vollständig ausgenutzt und ein Friede geschlossen, der nur die Militärkreise in Österreich auf Rache für Königsgrätz einschwor.
2. Nach dem französischen Krieg 1870/71 erkannte Österreich die Möglichkeiten die das Deutsche Reich wirtschaftlich und logistisch hatte - sie konnten sogar Frankreich besiegen und es ist besser so eine Nation zum Freund zu haben.
3. Bismarck reizte den Konflikt zwischen Rußland und Österreich aus und spielte den Vermittler. Das war kein Problem für ihn, war er doch in seiner Zeit vor dem Posten als Reichskanzler in Russland Botschafter. Bei dieser Arbeit in Moskau pflegte er die Beziehungen zu den dortigen wichtigsten Personen bis zur Freundschaft. Wenn es irgendwo eine Nation gab, die den Krieg 1864 als Einheitskrieg einschätzen konnte, dann war dies das Zarenreich.
4. Schau dir die strategische Lage an von Wien - im Osten ein sehr gefährlicher Bär, der auf dem Balkan gleiche Interessen verfolgt wie Wien. Österreich hatte scheinbar auch Angst vor England, sonst würden sie in den Fünfziger Jahren nicht im Krimkrieg mitgemischt haben.
England war zwar mit ganz Europa verwandt und verschwägert, aber Bismarck verstand es auch London nicht nur verwandtschaftlich für deutsche Interessen zu nutzen.
Ob der Sultan nun "krank" war oder nicht, selbst er stellte eine Gefahr dar, wenn Österreich die Feindschaft zu Deutschland gepflegt hätte. Italien hatte mit Hilfe Frankreich sich vor 10 Jahren geeinigt auf Kosten Österreichs !
All diese Punkte führten zu einer ziemlich isolierten Situation für Österreich und da der pfiffige Metternich nicht mehr lebte gab es auch keine ernstzunehmenden Alternativen zu einem Bündnis mit Berlin. Natürlich hat Bismarck es geschickt verstanden die Angst am Wiener Hof zu schüren.
Diese Überlegungen muß er schon 1866 im Kriegsrat angestellt haben, sonst wäre er nicht so vehement gegen König und Generalstab aufgetreten - übrigens war der deutsch-deutsche Krieg auch in Kreisen der reichen Bürger und Industriellen sehr unpopulär, so daß ein Zug gen Wien vielleicht das Reich auch intern geschwächt hätte.