Azrael hat geschrieben:Soweit würde ich nicht gehen in der Analyse.
Die Linkspartei, auch wenn ich selbst von dieser kein Freund bin, stellt erst mal Maximalforderungen auf wie jede andere Partei auch. Diese "reine Lehre" der jeweiligen Parteien kann nur umgesetzt werden, wenn sie eine absolute oder gar 2/3-Mehrheit erhalten, falls es um verfassungsändernde Forderungen geht. In der Praxis findet die reine Lehre, von keiner Partei, Anwendung. Was nämlich davon wie oder ob es überhaupt umgesetzt wird, das ist dann Ergebnis von Koalitionsverhandlungen.
Dort kommt es zu entsprechenden Kompromissen. Die Linken in Berlin haben wohl hauptsächlich Wahlkampf gemacht mit der Forderung, die Enteignung von Wohnkonzernen in Berlin umzusetzen, für die die Berliner per Bürgerentscheid Jahre zuvor gestimmt haben.
Ich halte diese Forderung für falsch und realitätsfern, man muss aber als Demokrat anerkennen, dass die Berliner dafür gestimmt haben.
Ich halte es daher für realitätsfern anzunehmen, dass in etwaigen RRG-Koalitionsverhandlungen SPD und Grüne, die Opposition zu dieser Forderung kundgetan haben, sich da durchsetzen können.
Sie können sich ihre Zustimmung dazu aber entsprechend durch Kompromisse der Linkspartei vergolden lassen. SPD und Grüne werden nicht für eine Auflösung des Landesverfassungsschutzes zu haben sein, da ist also ein Entgegenkommen der Linkspartei möglich, um den Kompromiss bei der Enteignungsfrage zu ermöglichen.
Auch wird sich die Linkspartei meiner Meinung nach kein Bein ausreißen, wenn die sich klar von antisemitischen Bewegungen distanzieren.
Grundsätzlich gegen jede Abschiebung zu sein ist genauso eine realitätsferne Maximalforderung und ich denke, auch da ist eine Kompromissfindung möglich.
Ich denke ebenfalls, dass es für die SPD und Grüne in Berlin den politischen Selbstmord bedeuten würde (und darüber hinaus im Bund Schaden anrichtet), wenn sie jetzt sich mit der CDU Berlin stattdessen zu einer Kenia-Koalition zusammentäten.
Sie sollten durchaus mit der CDU verhandeln, schon allein um entsprechenden Druck auf die Linkspartei auszuüben. Aber die CDU, allen voran Merz, ist zur Zeit vergiftet und Nr.1-Ursache für ein Erstarken der AfD in Deutschland.
Wenn sie jetzt eine Kenia-Koalition mit der CDU bilden und weiter die Enteignung der Wohnkonzerne in Berlin blockieren, dann ist sicher, dass Grüne, SPD und wohl auch die CDU in Berlin weiter stimmen verlieren werden und die Linkspartei noch stärker wird.
Dass eine Linkspartei an der Spitze einer ostdeutschen Landesregierung nicht automatisch den Ausbruch des Kommunismus bedeutet, das hat die Regierung Ramelow in Thüringen doch gezeigt.
Ergänzend muss man sagen, dass Wahlprogramme und insbesondere Parteiprogramme primär als Motivation und Parteibindung für die Mitglieder gedacht sind und nicht als Blaupause für Regierungsprogramme. Wenn wir die Parteiprogramme und Wahlprogramme der SPD ernst genommen hätten, dann hätten wir sie in den letzten 35 Jahren vielleicht manchmal gewählt. So wussten wir immer, dass 99% davon nie versucht wird umzusetzen.
Bezüglich der Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen mit mehr als 3.000 Wohnungen in Berlin reicht es erst einmal völlig aus, wenn man sich darauf einigt, dass ein rechtskonformer Gesetzentwurf erstellt und und alle Pläne, einschließlich der Finanzierung zu Ende gedacht werden. Sollte es tatsächlich zu einer Umsetzung kommen, wird am Ende sowieso das BVerfG entscheiden. Wenn die Bundesregierung versucht es vorher durch ein Bundesgesetz zu verhindern, wäre eine RGR-Regierung in Berlin gezwungen gegen dieses Gesetz beim BVerfG zu klagen.
Ob es aber in Berlin tatsächlich zu RGR kommt? Wir haben unsere Zweifel. Die SPD hat noch der vorhergehenden Wahl ohne Notwendigkeit eine Koalition als Juniorpartner mit der CDU gesucht, obwohl sie als Seniorpartner die RRG Regierung hätte fortsetzen können. Wir würden uns nicht wundern, wenn die Berliner SPD die Verhandlungen nur führt um sie scheitern zu lassen und dann am Ende eine SRG Regierung zu bilden. Dann würden wir ebenso wie Ihr vermuten, dass es in vier Jahren ein Wahlergebnis gibt, bei dem eine Regierung ohne Linke oder AfD nicht mehr möglich ist.