XXIV: Die Ruhe vor dem Sturm
Weber hatte seine Kampfgruppe alarmiert. In der Nacht hatte man aber kein ausreichendes Licht, um sich sinnvoll einzugraben. So tarnte man sich notdürftig, insbesondere die Pak wie auch die Achtacht und wartete auf das Büchsenlicht und die Russen. Die Kampfgruppe war aufmunitioniert, die Truppe in Position, soweit man Feuerstellungen in der Dunkelheit beziehen konnte, Telefonkabel der Feldtelefone – die „Strippen“ – gezogen. Nun konnte man nur noch warten.
Weber fuhr seine Kompanien ab, um nach dem Rechten zu sehen und seine Landser moralisch aufzubauen. Er konnte feststellen, dass die Moral durchaus hoch war. Die bisherigen Erfolge der Kampfgruppe, insbesondere auch der gelungene Beresina-Übergang, hatten das Selbstbewusstsein der Soldaten in dieser jungen Einheit wachsen lassen. Man glaubte, dass man schon mit den Russen fertig würde. Insbesondere die mächtigen Flak-geschütze, die berühmte Achtacht, flößte den Landsern Vertrauen ein. Weber teilte überall mit, dass sie auch weiterhin durch eine Batterie schwere Artillerie unterstützt würden. Auch das hob die Moral der Männer. Weber spürte, dass das Vertrauen seiner Soldaten in ihren jungen Kommandeur nach den so erfolgreich und verlustarm bestandenen Gefechten gestiegen und gefestigt war.
Gleiches galt für die Kompaniechefs. Oberleutnant Hauschildt von der 2. Kompanie war optimistisch und freute sich über das Waldgelände im Norden des Gefechtsabschnitts, den seine 2. Kompanie verteidigen sollte. Zur Unterstützung bekam er Teile eines Zuges der Panzerjäger mit 3 Pak-Geschützen. Er war zuversichtlich, dseinen Abschnitt so halten zu können.
Weiter südlich schlossen sich die Stellungen der 3. Kompanie an, die durch die MG-Trupps der 4. Kompanie sowie ein paar Pak und 2 Achtacht-Geschützen verstärkt wurde. Oberleutnant Buchmann hatte zwar keine hohe Meinung von den Luftwaffensoldaten, die die Flakgeschütze bedienten, war ebenfalls sehr zuversichtlich mit der ihm zugewiesen geballten Feuerkraft, die Russen in die Schranken weisen zu können.
Ganz im Süden hatte die 1. Kompanie die schwierigste Aufgabe bekommen. Hier war der Wald licht und her führte die einzige Straße aus dem Osten lang. Wenn ein Panzerangriff erfolgen sollte, so würde er wohl hier erfolgen. So war auch dieser Abschnitt durch Pak und Flak verstärkt und hatte die 1. Kompanie auch den kürzesten Gefechtsstreifen zugewiesen bekommen. Allerdings fehlte der 1. Kompanie ein Zug, den Weber als Reserve der Kampfgruppe zusammen mit den Kavalleristen verwenden wollte. Oberleutnant Krafft beschwerte sich daher auch bei Weber, handelte sich aber eine Abfuhr ein. „Krafft… die Kavallerie ist mit zu schwach bewaffnet, ihr fehlen die Maschinengewehre. Die Reserve muss auch was bewirken können. Deswegen brauche ich den Zug. Sie haben den kürzesten Abschnitt und ihre Geschütze sind so aufgestellt, dass sie russische Panzer seitlich ins Kreuzfeuer nehmen können. Den anderen Kompanien geht es auch nicht besser zumal bei Ihnen der VB neste Sicht haben dürfte und das Artilleriefeuer gezielt einsetzen kann. Es geht nicht anders. Ich brauche einen Zug von Ihnen als Reserve. Wenn es brennt, haben Sie den ja dann auch schnell wieder zurück. Hoffen wir lieber, dass Sie ihn nicht brauchen werden!“ Krafft gab den Widerstand auf, denn er musste einsehen, dass die anderen Kompanien es nicht wirklich besser hatten. Allerdings schwor er sich, schnell nach Verstärkungen zu rufen, sollte es brenzlich werden. 2 Züge schienen ihm etwas dürftig für seine Aufgabe.
Schließlich führte ihn seine Rundfahrt zu Oberleutnant Bungert, dem Chef der 4,, der schweren Kompanie. Dieser hatte seinen Gefechtsstand bei seinen MG – Zügen eingerichtet, die so ziemlich den zentralen Frontbereich des Gefechtsabschnittes zusammen mit Zügen der 3. und 2. Kompanie verteidigen sollten. Bungert wirkte auf Weber unsicher und Hauptmann Weber nahm das zum Anlass etwas nachzuhaken: „Bungert, wie sieht es aus bei Ihnen. Sind die MGs versorgt? Irgendwelchen Grund zu klagen?“ „Jawohl … alles in Ordnung, Herr Hauptmann!“, antwortete der Oberleutnant mit etwas brüchiger Stimme. Weber schloss daraus, dass die Lage alles andere als klar war. „Bungert … wo drückt der Schuh? Ich merke doch, da stimmt was nicht. Was für ein Problem gibt es?“ Weber fiel ein, dass der Zugführer des I. Zuges von Bungerts Kompanie im Nachtgefecht bei Bialystok durch Mörservolltreffer gefallen war. „Macht sich der neue Zugführer?“ „“Bungert verzog das Gesicht: „Ich weiß nicht recht … der Mann tritt forsch auf, will aber wohl Unerfahrenheit überspielen. Das kommt nicht gut an. Hinzu kommt noch, dass der zweite MG-Zug, abgesehen davon, dass er nur halbe Stärke hat, aus reinen Rekruten besteht. Und wir sind jetzt im Zentrum eingesetzt und mir ist bei dem Gelände klar, dass von meinen schweren MGs eine Menge abhängt.“ „ Bungert … wir lassen Sie da schon nicht im Stich. Die Artillerie har bis nach ganz vorne Kabel zu den VBs gelegt. Und die Flak wird sie schon aus brenzligen Situationen heraushauen. Sie sind da ja auch nicht alleine. Neben ihnen liegen mit die besten Züge meiner Kampfgruppe. Ihre Jungs müssen nur draufhalten und die Russen in Deckung zwingen, sie festnageln, den Rest macht die Artillerie. Sie haben ja gesehen, was die schwere Artillerie auszurichten vermag!“ „Bungert verzog wieder das Gesicht: „… wenn sie denn nicht die eigene Truppe trifft.“ Das Unglück mit den Nebelwerfern hatte sich natürlich rundgesprochen. Weber wurde langsam ungeduldig: „Bungert, nun reißen Sie sich mal zusammen. Die Scheiß-Nebelwerfer streuen und das Ziel war durch Nebelverdeckt. Das ist jetzt anders. Uns unterstützen 150mm-Kanonen und wir nebeln uns oder die Russen natürlich nicht ein. Also, das wird sich nicht widerholen!! So .. hauen Sie sich jetzt noch ne Runde hin und blasen Sie nicht weiter Trübsal!“ „ Jawohl“, sagte Bungert nicht sehr überzeugend.
Weber hatte seine Rundfahrt beendet und traf gegen 3:00 Uhr morgens in seinem Gefechtsstand ein. Er schaute die eingegangenen Funksprüche durch. Aufklärer der Divisonsaufklärungsabteilung – die Kompanie war ja zwischenzeitlich zu einer ganzen Abteilung angewachsen – hatten noch festgestellt, dass es keine Bewegungen der Russen nach Norden oder Süden mehr gab sondern sich diese direkt auf die Beresina zu bewegten und zwar in Richtung der Kampfgruppe Weber. Der Verband beinhalte starke Panzerelement, allerdings aus einer Vielzahl unterschiedlicher Typen. Von der Division hatte er die Nachricht erhalten, dass es sich bei dem Verband nach dem Bericht einer Funkhorchkompanie wohl nicht um Teile einer Schützendivision sondern der 4. Panzerdivision der Roten Armee handelte. Die Stärke wurde auf ungefähr ein Regiment oder Brigade geschätzt.
Hauptmann Weber machte sich ob des Zahlenverhältnisses keine großen Sorgen. Bis auf den Beresina-Übergab dürfte die Kampfgruppe zahlenmäßig unterlegen gewesen sein ud hatte gleichwohl den Russen empfindliche Niederlagen zugefügt. Warum sollte das jetzt mit Unterstützung durch schwere Flak-Geschütze anders sein? Später meldete sich Oberstleutnant Kuhnert noch kurz über Funk und blies in dasselbe Horn: „Weber, Sie alter Pfadfinder … Hähähä … Sie machen das schon … wer quasi ohne Verluste über die Beresina kommt, wird auch das Ding hier schaukeln … also morgen den 150. Panzerabschuss für mein Regiment, was? Soll Ihr Schaden nicht sein … hähähähä … und halten Sie schön die Brücken … verschwenden Sie aber nicht wieder unser Sanitätsmaterial an die Slawen, Sie Betbruder … hähähä!“.
Er versuchte nun zu schlafen, was ihm aber nicht wirklich gelang. Irgendwann musste Weber dann aber doch eingedöst sein, weil er nämlich mit einem Ruck hochfuhr als sein Fahrer Feldkamp ihn weckte. „Herr Hauptmann … Sie sollten sich das mal anhören!“, meinte der Obergefreite zu seinem Kommandeur. Weber warf die Uniform über und trat aus dem Gebäude heraus. Der Morgen graute schon und langsam bekamen die Dinge ihre Farbe wieder zurück. Der Hauptmann lauschte in den jungen Morgen und das, was Feldkamp meinte, dröhnte deutlich durch das morgendliche Vogelkonzert. Waren. IM Osten Panzerketten und –motoren zu hören. Sie konnten nicht mehr weit weg sein. So laut, so stark hatten sie dieses Geräusch noch nie vernommen. Es mussten deutlich mehr Panzer als bei den Gefechten im Juni sein. Weber lief zur naheliegenden Kirche und kletterte in den Kirchturm. Zu sehen war nichts. Er schaute auf seine Armbanduhr, die 5:00 zeigte. Auch mit dem Fernglas war nichts zu erkennen, dazu war die Sicht am Morgen noch zu schlecht. Das Geräusch schien aber näher zu kommen und zwar fast aus einem Halbkreis von Nordost bis Südost. Der Hauptmann fröstelte und nicht nur weil der Morgen kühl und er unausgeschlafen war. Weber schluckte und bekam Zweifel, ob sein Optimismus angebracht war. Dann dachte er aber an seine 4 Achtacht-Geschütze und sein Vertrauen in die überlegene Feuerkraft der eigenen Waffen überwand seine aufkommenden Zweifel. Weber nahm den Feldstecher herunter und schaute nochmals nach Osten.
Plötzlich blitze dort eine Vielzahl von Lichtpunkten auf. Bevor er sich noch fragen konnte, was das zu bedeuten hatte, hörte er über sich, links von sich und rechts von sich ein schrilles kurzes Pfeifen und Rauschen. Fast sofort danach dröhnten Abschuss- und Explosionsknall. Im ganzen Gefechtsabschnitt der Kampfgruppe stiegen fast gleichzeitig Rauchwolken und Feuerblitze hoch, als ungezählte Granaten aus unzähligen Rohren der „Ratsch-Bumm“, dem russischen leichten Feldgeschütz vom Kaliber 76,2 mm, detonierten.
Weber rannte zu seinem Gefechtsstand. Immer weiter ging der Beschuss, in den sich nun auch Abschüsse von 120mm-Granatwerfern und 122mm-Haubitzen mischten. Im Stab schaute man ihn mit entsetzten Augen an. Ein Offizier meldete: „Herr Hauptmann, alle Feldtelefonverbindungen ausgefallen. Verbindung nur noch über Funk oder Melder möglich!“. Weber fauchte zurück: „Fragen Sie bei den Kompanien dann per Funk nach. Ich will Zustandsmeldungen … aber schnell!“ .
Die Funker ließen die Drähte glühen. Ab und zu ließ ein naher Treffer Putz von den Wänden fallen und das Gebäude erzittern. Der Beschuss aber ging pausenlos immer weiter. Nach und nach bekam Weber die Meldungen seiner Kompanien. Der Russe deckte die gesamte Kampfgruppe mit vor allem leichter Artillerie ein und sparte auch den rückwärtigen Bereich nicht aus. Selbst die eigenen leichten Feldhaubitzen der Kampfgruppe bekam ihren Teil ab und die Bedienungen lagen in Deckung. Schließlich kam eine Meldung der Artillerie über Funk. Die Schall- und Lichtmesstrupps hatten ihre Beobachtungen an die Haubitzen-Batterie gemeldet. Sie schätzten die feindliche Artillerie auf 10 – 12 Batterien. Der Feind setzte also fast ein ganzes Artillerieregiment gegen sie ein. „Das kann ja heiter werden“, und „Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte Weber.