von Mortimer » Di 27.09.2011, 15:33
Das Problem der Inkonsistenz bei ST halte ich nicht für den ausschlaggebenden Punkt. Wichtiger ist mir die ideelle Einheit, die zumindest bei TNG, DS9 und VOY gegeben ist. Die Serien-Realität (Föderation, Weltgesellschaft, Sternenflotte, die Technologien etc.) hat doch nur die Funktion, bestimmte Parameter und Voraussetzungen der Erzählung in einem suggestiven Entwurf zu verbinden und ein Panorama zu schaffen, vor dessen Hintergrund das Personal agiert und in seinem Selbstverständnis glaubhaft wird. Es gibt übrigens durchaus eine zusammenhängende fiktive Historiographie, die in den Serien allerdings meist nur angedeutet wird. Auch hat man sich bemüht, die genannten drei Serien zu verzahnen (vgl. Marquis-Thematik in den späten TNG-Folgen, Gastauftritt von Picard im Pilot zu DS9, die „Voyager“ besucht in der ersten Folge von VOY die Raumstation DS9 usw.). Aber das nur nebenbei. Wie der werte Arminus schon ausführte, ist das ST-Universum eben nicht aus Kalkül am Reißbrett entstanden, sondern Produkt einer Evolution, die auch schroffe Übergänge einschließt.
Noch einmal anders gesagt: Es geht meiner Ansicht nach keineswegs darum, eine realistische Prognose über mögliche Zukunftstechnologien abzugeben, ein konsistentes Gesellschaftsbild zu zeichnen oder gar die möglichen Bedingungen interstellarer Zivilisationen und außerirdischer Kulturen zu erläutern. Nehmen wir z.B. die mit der Föderation konkurrierenden oder verbundenen Völkerschaften, so sehen wir deren auffälligstes Merkmal in ihrer einseitigen Festlegung auf ein einziges Konzept sozialer Praxis und individueller Sinngebung: Alle Ferengi scheinen Händler zu sein, alle Klingonen Krieger, alle Vulkanier Intellektuelle. Natürlich ist es unwahrscheinlich, daß auf diese Weise ausdifferenzierte und zudem hochtechnisierte Gesellschaften funktionieren können. Die Sache zeigt sich aber anders, wenn wir hier von einer allegorischen Darstellung menschlicher Eigenschaften sprechen. Der Ferengi, der Klingone, der Vulkanier sind so gesehen konzipiert als Widerspiegelungen der Möglichkeiten unserer eigenen Existenz, und diese Möglichkeiten werden im ST-Universum anhand verschiedener „Rassen“ verobjektiviert, in ein Spektrum auseinandergelegt und letztlich wieder zusammengeführt in der Vorstellung von der Universalität der menschlichen Leidenschaften und Interessen. Ich sehe also Star Trek als ästhetisches Gebilde, dessen Interpretation innere Schlüssigkeit zu Tage fördert...
Und da wir gerade bei Ästhetik sind: ST ist auch dadurch vielen anderen SF-Produkten überlegen, daß es die geschichtlichen und strukturellen Bedingungen des eigenen Genres, der eigenen Medialität, überhaupt der eigenen narrativen Ordnung und dabei letztlich auch den eigenen mythologischen Charakter immanent reflektiert. Diesem Zweck dient sehr oft das Holodeck, das ja den artistisch-spielerischen Zugriff auf historische, literarische und cineastische Traditionen aller Art ermöglicht. Das Holodeck repräsentiert in gewisser Weise das kulturelle Gedächtnis der westlichen Kultur und bildet den Fundus all der Narrationen, an denen Star Trek partizipiert. Und auf diese Weise schreibt sich Star Trek selbst ein in den zeitgenössischen Prozess der fortwährenden medialen Re-Aktualisierung jener Erzählungen, die das abendländische Bewusstsein bestimmen und artikulieren...
Man könnte etliche Stories dazu anführen, die beileibe nicht alle etwas mit dem Holodeck zu tun haben: Sisko, der sich während eines Traumzustandes als Schriftsteller wiederfindet, der in den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts vergeblich versucht, einen SF-Roman namens „Deep Space Nine“ an den Mann zu bringen – Die „Captain Proton“-Geschichten aus VOY, die ironisch auf den Ursprung der SF in Comic und Groschenheft rekurrieren usw. Unvergesslich ist mir die späte VOY-Folge „Die Muse“, in der B´Elanna mit dem Shuttle auf einem Planeten abstürzt, dessen Kultur ungefähr der griechischen Antike entspricht, dort von einem Dichter als göttliche Muse angebetet wird und dann entdeckt, daß dieser Dichter die Voyager-Erzählung in ein archaisches Drama rückübersetzt und sie damit kenntlich macht als das, was sie ist, nämlich eine nach dem Vorbild der Odyssee gestaltete mythologische Fahrt. Alleine diese Episode, so behaupte ich, hat mehr Bedeutung als alle SW-Filme zusammen...
Bevor ich nun endgültig durchdrehe, noch ein Wort: Ich habe mich immer über die Vorbehalte vieler Kenner gegenüber VOY gewundert. VOY ist Star Trek reinsten Wassers und bietet zudem einige der interessantesten Charaktere des Serienkosmos...
Das Problem der Inkonsistenz bei ST halte ich nicht für den ausschlaggebenden Punkt. Wichtiger ist mir die ideelle Einheit, die zumindest bei TNG, DS9 und VOY gegeben ist. Die Serien-Realität (Föderation, Weltgesellschaft, Sternenflotte, die Technologien etc.) hat doch nur die Funktion, bestimmte Parameter und Voraussetzungen der Erzählung in einem suggestiven Entwurf zu verbinden und ein Panorama zu schaffen, vor dessen Hintergrund das Personal agiert und in seinem Selbstverständnis glaubhaft wird. Es gibt übrigens durchaus eine zusammenhängende fiktive Historiographie, die in den Serien allerdings meist nur angedeutet wird. Auch hat man sich bemüht, die genannten drei Serien zu verzahnen (vgl. Marquis-Thematik in den späten TNG-Folgen, Gastauftritt von Picard im Pilot zu DS9, die „Voyager“ besucht in der ersten Folge von VOY die Raumstation DS9 usw.). Aber das nur nebenbei. Wie der werte Arminus schon ausführte, ist das ST-Universum eben nicht aus Kalkül am Reißbrett entstanden, sondern Produkt einer Evolution, die auch schroffe Übergänge einschließt.
Noch einmal anders gesagt: Es geht meiner Ansicht nach keineswegs darum, eine realistische Prognose über mögliche Zukunftstechnologien abzugeben, ein konsistentes Gesellschaftsbild zu zeichnen oder gar die möglichen Bedingungen interstellarer Zivilisationen und außerirdischer Kulturen zu erläutern. Nehmen wir z.B. die mit der Föderation konkurrierenden oder verbundenen Völkerschaften, so sehen wir deren auffälligstes Merkmal in ihrer einseitigen Festlegung auf ein einziges Konzept sozialer Praxis und individueller Sinngebung: Alle Ferengi scheinen Händler zu sein, alle Klingonen Krieger, alle Vulkanier Intellektuelle. Natürlich ist es unwahrscheinlich, daß auf diese Weise ausdifferenzierte und zudem hochtechnisierte Gesellschaften funktionieren können. Die Sache zeigt sich aber anders, wenn wir hier von einer allegorischen Darstellung menschlicher Eigenschaften sprechen. Der Ferengi, der Klingone, der Vulkanier sind so gesehen konzipiert als Widerspiegelungen der Möglichkeiten unserer eigenen Existenz, und diese Möglichkeiten werden im ST-Universum anhand verschiedener „Rassen“ verobjektiviert, in ein Spektrum auseinandergelegt und letztlich wieder zusammengeführt in der Vorstellung von der Universalität der menschlichen Leidenschaften und Interessen. Ich sehe also Star Trek als ästhetisches Gebilde, dessen Interpretation innere Schlüssigkeit zu Tage fördert...
Und da wir gerade bei Ästhetik sind: ST ist auch dadurch vielen anderen SF-Produkten überlegen, daß es die geschichtlichen und strukturellen Bedingungen des eigenen Genres, der eigenen Medialität, überhaupt der eigenen narrativen Ordnung und dabei letztlich auch den eigenen mythologischen Charakter immanent reflektiert. Diesem Zweck dient sehr oft das Holodeck, das ja den artistisch-spielerischen Zugriff auf historische, literarische und cineastische Traditionen aller Art ermöglicht. Das Holodeck repräsentiert in gewisser Weise das kulturelle Gedächtnis der westlichen Kultur und bildet den Fundus all der Narrationen, an denen Star Trek partizipiert. Und auf diese Weise schreibt sich Star Trek selbst ein in den zeitgenössischen Prozess der fortwährenden medialen Re-Aktualisierung jener Erzählungen, die das abendländische Bewusstsein bestimmen und artikulieren...
Man könnte etliche Stories dazu anführen, die beileibe nicht alle etwas mit dem Holodeck zu tun haben: Sisko, der sich während eines Traumzustandes als Schriftsteller wiederfindet, der in den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts vergeblich versucht, einen SF-Roman namens „Deep Space Nine“ an den Mann zu bringen – Die „Captain Proton“-Geschichten aus VOY, die ironisch auf den Ursprung der SF in Comic und Groschenheft rekurrieren usw. Unvergesslich ist mir die späte VOY-Folge „Die Muse“, in der B´Elanna mit dem Shuttle auf einem Planeten abstürzt, dessen Kultur ungefähr der griechischen Antike entspricht, dort von einem Dichter als göttliche Muse angebetet wird und dann entdeckt, daß dieser Dichter die Voyager-Erzählung in ein archaisches Drama rückübersetzt und sie damit kenntlich macht als das, was sie ist, nämlich eine nach dem Vorbild der Odyssee gestaltete mythologische Fahrt. Alleine diese Episode, so behaupte ich, hat mehr Bedeutung als alle SW-Filme zusammen...
Bevor ich nun endgültig durchdrehe, noch ein Wort: Ich habe mich immer über die Vorbehalte vieler Kenner gegenüber VOY gewundert. VOY ist Star Trek reinsten Wassers und bietet zudem einige der interessantesten Charaktere des Serienkosmos...