von Montesquieu » So 20.10.2024, 15:33
The Rings of Power - Staffel 2
Nachdem die zweite Staffel des neuen Herr-der-Ringe-Epos jetzt schon ein paar Wochen abgeschlossen ist und sie sich bei mir gesetzt hat, wollte ich mal mein Fazit zu Papier bringen. Und ab jetzt gilt auch Spoiler incoming. Ich setze jetzt nicht mein Review komplett in Spoiler-Tags, aber es muss nicht gelesen werden, wenn man die erste oder zweite Staffel noch nicht, aber noch sehen will.
Einfach mal als Fantasy-Epos gesehen, fand ich die zweite Staffel tatsächlich deutlich gelungener als die erste. Die Charaktere kamen deutlich mehr zur Geltung, der Plot war "tighter" und die nervigen Stränge hatte deutlich weniger Screentime. Die erste Staffel krankte, ganz neutral und ohne Kulturkampf-Brille betrachtet doch an einigen Ecken und Enden. Es war eine richtig langgestreckte Exposition, die dadurch teilweise lahm wirkte:
• Es fehlte der richtige Antagonist. Klar man hatte die Orks, um Adar, den ich als Charakter in beiden Seasons richtig stark finde, aber Sauron aka Halbbrand war auch nur ok. Man hat immer Sauron erwartet und als sich der Nebel lüftete war es auch immer mehr meew.
• Zu viele Handlungsstränge. Was hatte man nicht alles? Hobbits mit dem Fremden, Elfen um Galadriel, Zwerge um Durin, Mordor-to-be Dorftrottel mit Power-Elb 2000 und Gähn-Numenor.
• Langweilige Charaktere: Numenor fand ich richtig mies. Die Regentin: Gähn. Die Stadt sah gut aus, aber der gesamte politische Plot ist zum Smartphone-hebend lahm gewesen. Und hier hätten sie es bei mir einfach gehabt. Das ist eine politische Intrige in einem römisch-byzantinisch geprägten Tolkien-Szenario! Wie kann man das verhauen?!? Sie habe es aber geschafft.
• Die zwei Tropes, die ich am wenigstes leiden kann: Strong Independent Woman (Galadriel) und "Ich kann Karate und kämpfen und bin so super gut!" (Wieder Galadriel und Power-Elbe 2000). Und wie ich es im Review zur ersten Staffel gesagt habe: Mir ist es egal und ich finde es gut, dass Galadriel eine super-mächtige Protagonistin ist. Dass ein Elbe potenziell zu den stärksten und mächtigsten Lebewesen in Mittelerde gehört, ist auch vollkommen in Ordnung. Bei Tolkien sind Helden noch Helden. Egal ob in den Büchern oder den Filmen: Was Aragorn, Legolas, Gimli und co. abziehen, ist schon over-the-top. Und das ist auch gut so. Dass sie das in's noch mythischere Zweite (Heldenzeitalter) übernommen haben, ist vollkommen in angebracht. Hier könnten sie es sogar noch verstärken. Tolkien ist eben nicht graues "Keiner ist so richtig böse", wie man es von "Game of Thrones" kennt.
Was ich dagegen doof fand, ist die Standardkost in der das dargereicht worden ist. Immer die gleichen Action-Szenen mit einer Frau, die ja einen dunklen Grund in ihrer Vergangenheit hat, und deswegen ihren Kopf durchsetzt und kalt und starr in die Gegend guckt. Och Gott, die "Castle"-Drehbuchautoren wollen ihre Kate-Becket-Schablone wieder haben. Das hat sich dann auch negativ auf die Plots der zwei Charaktere ausgewirkt.
• Das Ziel bzw. der große Plotpunkt fehlt. Ja, wir wissen als Zuschauer, dass es um die Ringe der Macht geht, dass es die Vorgeschichte zu Saurons Aufstieg und Fall ist. Dass es darum geht, dass er am Ende mit dem "Einen Ring" von Isildur besiegt wird, damit dann Bilbo den Ring irgendwann in die Hände bekommt. Aber hier in der ersten Staffel fehlt diese treibende Kraft einfach.
Ansonsten fand ich auch einige Sachen sehr fein:
• Die Buddy-Geschichte zwischen Elrond und Durin.
• Die Hobbits fand ich putzig und atmosphärisch ganz nah an Tolkien.
• Adar und die Orks waren böse, aber auch (gut) getrieben.
• Die Effekte und das generelle Design inklusive der Atmosphäre war schon top.
Und jetzt schauen wir uns einmal die zweite Staffel an:
• Der Antagonist ist da! Sauron/Annatar ist zwar nicht mein #1 Bösewicht aller Zeiten, aber schon sehr, sehr gut. Und auch Tolkien-gemäß einfach böse und ein Verführer. Adar als Semi-Bösewicht mit halb-hehren Zielen ist auch noch fein.
• Die Handlungsstränge wurden doch vernünftig gestutzt, bzw. die langweiligen auch zurecht gestaucht. Annatar + Celembrimbor, Elfen, Zwerge und Gandalf und Konsorten sind die Hauptgeschichten. "Isildur und die langweiligen Bauern" + "Elendil und die bemühten Numenorer" kommen zurecht sehr kurz dran. Oh bei Illuvatar, wie sehr ich mir gewünscht habe, dass der Leviathan die blinde Königin einfach gefressen hätte, aber nein, aber nein.
• Langweilige und nervige Charaktere sind durch den zweiten Punkt schon sehr viel weniger im Spiel. Bei den Hauptplots finde ich eigentlich alle recht überzeugend. Numenor kann meinetwegen bald untergehen, aber es stört mich nicht mehr so stark, da nicht allzu viel Zeit dort verbracht wird.
• Die Strong Independent Woman ist nicht mehr so strong und nicht mehr so independent, zwar immer noch mächtig, aber auch mit Charakterentwicklung, was ich sehr gut finde. Galadriel in Orkenhand ist auch tausendmal besser als Galadriel, die Schnetzel-Liese mit dem akrobatischen Dreifach-Salto. Und wenn es dann einmal zu einer solchen Situation kommt, dann ist es auch ok, da es nicht das eine definierende Ding von ihr ist. Auch Ober-Elbe 2000 kommt seltener vor und ehrlich: Der gehörte auch zu den schwachen Charakteren in der ersten Staffel. Warum muss ich einen nameless Elben zu einem der zentralen Personen machen, wenn ich dafür Galadriel, Elrond und den anderen Riesen mehr Zeit geben kann. Aber jetzt ist sein Plot auch zusammengedampft und die Action-Szenen, die er hat, sind dann echt in Ordnung. Aber ich will verdammt noch mal keine Liebesgeschichte mit ihm sehen.
• Ziel: Die Ringe sind geschmiedet (bis auf den einen) und das beginnt jetzt schon alles voran zu treiben. Allerdings finde ich, dass das ganze noch ein wenig sehr im mythischen bleibt, insbesondere bei den neun für die Menschen. Aber es treibt die ganze Sache gut voran und dass tut der Serie gut.
Daher insgesamt: Als Serie funktioniert es jetzt besser. Es geht gut voran, man zittert mehr für die Protagonisten mit und es bleibt audio-visuell ein Meisterwerk.
Canon - Encore
Aber dann hinauf auf die zweite Ebene. Das ist ja gar nicht Kanon und "Muh Middle Earth!". Habe ich mich im letzten Jahr noch mehr von entfernt. Nicht falsch verstehen: Ich bin ein Nerd. Ich liebe Canon-Diskussionen, sei es in Star Wars, Warhammer 40k oder eben Herr der Ringe. ABER: Was gerade im Internet abgeht, ist einfach viel zu starr, viel zu sehr durch den Kulturkampf durchsetzt, viel zu starr, als dass es einen in den Lieblingsfiktionen einfach weiterbringt. Natürlich finde ich es als Historiker klasse, mich mit der Geschichte von Mittelerde auseinander zu setzen. Aber es ist nicht Selbstzweck. Hier geht es nicht um Geschichts-Dokumentationen, sondern immer noch um Fantasy-Welten.
Wieder mal ein Beispiel, wie der allmächtige Algorithmus die Hate Farmer nach vorne gebracht hat. Es ist vollkommen legitim, die Schwächen der Serie herauszustellen und ich kenne genug YouTube-Kritiker, die das machen, aber wenn ich mir noch ein "Hurr Durr, das ist so woke!"-Review ansehen muss, springe ich in den Schicksalsberg.
Die gleichen Kritiker haben wohl noch nie Kevin Costners Robin Hood oder Excalibur gesehen (ich weiß, ich wiederhole mich). Ein schwarzer Sarazene in England! Wokes Hollywood!
Deswegen und gerade weil es Fantasy ist, finde ich den Begriff "Lore" viel passender. Canon und die starre Befolgung dessen, finde ich in der Kirche. "Lore" gibt einen Rahmen vor, in dem man sich bewegen kann. Wir reden hier immer noch von einem Mythos. Und zu Tolkien, Mythos und den Szenen, die immer wieder gegen "Ringe der Macht" vorgebracht werden, schreibe ich gerne auch noch meine Meinung auf.
TLDR:
Gute bis sehr gute Fantasy-Serie, die endlich ihr Tempo, Geschicht und Charaktere gefunden hat.
[b]The Rings of Power - Staffel 2[/b]
Nachdem die zweite Staffel des neuen Herr-der-Ringe-Epos jetzt schon ein paar Wochen abgeschlossen ist und sie sich bei mir gesetzt hat, wollte ich mal mein Fazit zu Papier bringen. Und ab jetzt gilt auch Spoiler incoming. Ich setze jetzt nicht mein Review komplett in Spoiler-Tags, aber es muss nicht gelesen werden, wenn man die erste oder zweite Staffel noch nicht, aber noch sehen will.
Einfach mal als Fantasy-Epos gesehen, fand ich die zweite Staffel tatsächlich deutlich gelungener als die erste. Die Charaktere kamen deutlich mehr zur Geltung, der Plot war "tighter" und die nervigen Stränge hatte deutlich weniger Screentime. Die erste Staffel krankte, ganz neutral und ohne Kulturkampf-Brille betrachtet doch an einigen Ecken und Enden. Es war eine richtig langgestreckte Exposition, die dadurch teilweise lahm wirkte:
• Es fehlte der richtige Antagonist. Klar man hatte die Orks, um Adar, den ich als Charakter in beiden Seasons richtig stark finde, aber Sauron aka Halbbrand war auch nur ok. Man hat immer Sauron erwartet und als sich der Nebel lüftete war es auch immer mehr meew.
• Zu viele Handlungsstränge. Was hatte man nicht alles? Hobbits mit dem Fremden, Elfen um Galadriel, Zwerge um Durin, Mordor-to-be Dorftrottel mit Power-Elb 2000 und Gähn-Numenor.
• Langweilige Charaktere: Numenor fand ich richtig mies. Die Regentin: Gähn. Die Stadt sah gut aus, aber der gesamte politische Plot ist zum Smartphone-hebend lahm gewesen. Und hier hätten sie es bei mir einfach gehabt. Das ist eine politische Intrige in einem römisch-byzantinisch geprägten Tolkien-Szenario! Wie kann man das verhauen?!? Sie habe es aber geschafft.
• Die zwei Tropes, die ich am wenigstes leiden kann: Strong Independent Woman (Galadriel) und "Ich kann Karate und kämpfen und bin so super gut!" (Wieder Galadriel und Power-Elbe 2000). Und wie ich es im Review zur ersten Staffel gesagt habe: Mir ist es egal und ich finde es gut, dass Galadriel eine super-mächtige Protagonistin ist. Dass ein Elbe potenziell zu den stärksten und mächtigsten Lebewesen in Mittelerde gehört, ist auch vollkommen in Ordnung. Bei Tolkien sind Helden noch Helden. Egal ob in den Büchern oder den Filmen: Was Aragorn, Legolas, Gimli und co. abziehen, ist schon over-the-top. Und das ist auch gut so. Dass sie das in's noch mythischere Zweite (Heldenzeitalter) übernommen haben, ist vollkommen in angebracht. Hier könnten sie es sogar noch verstärken. Tolkien ist eben nicht graues "Keiner ist so richtig böse", wie man es von "Game of Thrones" kennt.
Was ich dagegen doof fand, ist die Standardkost in der das dargereicht worden ist. Immer die gleichen Action-Szenen mit einer Frau, die ja einen dunklen Grund in ihrer Vergangenheit hat, und deswegen ihren Kopf durchsetzt und kalt und starr in die Gegend guckt. Och Gott, die "Castle"-Drehbuchautoren wollen ihre Kate-Becket-Schablone wieder haben. Das hat sich dann auch negativ auf die Plots der zwei Charaktere ausgewirkt.
• Das Ziel bzw. der große Plotpunkt fehlt. Ja, wir wissen als Zuschauer, dass es um die Ringe der Macht geht, dass es die Vorgeschichte zu Saurons Aufstieg und Fall ist. Dass es darum geht, dass er am Ende mit dem "Einen Ring" von Isildur besiegt wird, damit dann Bilbo den Ring irgendwann in die Hände bekommt. Aber hier in der ersten Staffel fehlt diese treibende Kraft einfach.
Ansonsten fand ich auch einige Sachen sehr fein:
• Die Buddy-Geschichte zwischen Elrond und Durin.
• Die Hobbits fand ich putzig und atmosphärisch ganz nah an Tolkien.
• Adar und die Orks waren böse, aber auch (gut) getrieben.
• Die Effekte und das generelle Design inklusive der Atmosphäre war schon top.
Und jetzt schauen wir uns einmal die zweite Staffel an:
• Der Antagonist ist da! Sauron/Annatar ist zwar nicht mein #1 Bösewicht aller Zeiten, aber schon sehr, sehr gut. Und auch Tolkien-gemäß einfach böse und ein Verführer. Adar als Semi-Bösewicht mit halb-hehren Zielen ist auch noch fein.
• Die Handlungsstränge wurden doch vernünftig gestutzt, bzw. die langweiligen auch zurecht gestaucht. Annatar + Celembrimbor, Elfen, Zwerge und Gandalf und Konsorten sind die Hauptgeschichten. "Isildur und die langweiligen Bauern" + "Elendil und die bemühten Numenorer" kommen zurecht sehr kurz dran. Oh bei Illuvatar, wie sehr ich mir gewünscht habe, dass der Leviathan die blinde Königin einfach gefressen hätte, aber nein, aber nein.
• Langweilige und nervige Charaktere sind durch den zweiten Punkt schon sehr viel weniger im Spiel. Bei den Hauptplots finde ich eigentlich alle recht überzeugend. Numenor kann meinetwegen bald untergehen, aber es stört mich nicht mehr so stark, da nicht allzu viel Zeit dort verbracht wird.
• Die Strong Independent Woman ist nicht mehr so strong und nicht mehr so independent, zwar immer noch mächtig, aber auch mit Charakterentwicklung, was ich sehr gut finde. Galadriel in Orkenhand ist auch tausendmal besser als Galadriel, die Schnetzel-Liese mit dem akrobatischen Dreifach-Salto. Und wenn es dann einmal zu einer solchen Situation kommt, dann ist es auch ok, da es nicht das eine definierende Ding von ihr ist. Auch Ober-Elbe 2000 kommt seltener vor und ehrlich: Der gehörte auch zu den schwachen Charakteren in der ersten Staffel. Warum muss ich einen nameless Elben zu einem der zentralen Personen machen, wenn ich dafür Galadriel, Elrond und den anderen Riesen mehr Zeit geben kann. Aber jetzt ist sein Plot auch zusammengedampft und die Action-Szenen, die er hat, sind dann echt in Ordnung. Aber ich will verdammt noch mal keine Liebesgeschichte mit ihm sehen.
• Ziel: Die Ringe sind geschmiedet (bis auf den einen) und das beginnt jetzt schon alles voran zu treiben. Allerdings finde ich, dass das ganze noch ein wenig sehr im mythischen bleibt, insbesondere bei den neun für die Menschen. Aber es treibt die ganze Sache gut voran und dass tut der Serie gut.
Daher insgesamt: Als Serie funktioniert es jetzt besser. Es geht gut voran, man zittert mehr für die Protagonisten mit und es bleibt audio-visuell ein Meisterwerk.
[b]
Canon - Encore[/b]
Aber dann hinauf auf die zweite Ebene. Das ist ja gar nicht Kanon und "Muh Middle Earth!". Habe ich mich im letzten Jahr noch mehr von entfernt. Nicht falsch verstehen: Ich bin ein Nerd. Ich liebe Canon-Diskussionen, sei es in Star Wars, Warhammer 40k oder eben Herr der Ringe. ABER: Was gerade im Internet abgeht, ist einfach viel zu starr, viel zu sehr durch den Kulturkampf durchsetzt, viel zu starr, als dass es einen in den Lieblingsfiktionen einfach weiterbringt. Natürlich finde ich es als Historiker klasse, mich mit der Geschichte von Mittelerde auseinander zu setzen. Aber es ist nicht Selbstzweck. Hier geht es nicht um Geschichts-Dokumentationen, sondern immer noch um Fantasy-Welten.
Wieder mal ein Beispiel, wie der allmächtige Algorithmus die Hate Farmer nach vorne gebracht hat. Es ist vollkommen legitim, die Schwächen der Serie herauszustellen und ich kenne genug YouTube-Kritiker, die das machen, aber wenn ich mir noch ein "Hurr Durr, das ist so woke!"-Review ansehen muss, springe ich in den Schicksalsberg.
Die gleichen Kritiker haben wohl noch nie Kevin Costners Robin Hood oder Excalibur gesehen (ich weiß, ich wiederhole mich). Ein schwarzer Sarazene in England! Wokes Hollywood!
Deswegen und gerade weil es Fantasy ist, finde ich den Begriff "Lore" viel passender. Canon und die starre Befolgung dessen, finde ich in der Kirche. "Lore" gibt einen Rahmen vor, in dem man sich bewegen kann. Wir reden hier immer noch von einem Mythos. Und zu Tolkien, Mythos und den Szenen, die immer wieder gegen "Ringe der Macht" vorgebracht werden, schreibe ich gerne auch noch meine Meinung auf.
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TLDR:[/b]
Gute bis sehr gute Fantasy-Serie, die endlich ihr Tempo, Geschicht und Charaktere gefunden hat.