Jorrig hat geschrieben:Meiner Ansicht nach liegt die Kompetenz eines Politikers und einer Kanzlerin genau darin, dass sie Entscheidungen treffen muss und Wetten eingehen muss, deren Folgen sie nicht vollständig abschätzen kann.
Das sehen Wir genau so. Deswegen halten Wir auch von dem ganzen "Merkel-Volksverräter-Geschrei" nicht das Geringste. Das macht es sich deutlich zu einfach.
Ihr werdet Uns aber mutmaßlich auch darin übereinstimmen, dass die meisten dieser "Wetten" keine Roulette Wetten nach dem Motto "ob es rot oder schwarz wird, kann niemand sagen" sind, sondern dass jede dieser Entscheidungen nach ausgiebiger Abwägung und Beratung auf Faktenbasis erfolgen sollte. Um mal beim Roulette zu bleiben: Die Kugel wird in ihrem Lauf beobachtet und dann wird errechnet, wo sie wahrscheinlich herunterkommt. Damit kann man keine exakte Aussage treffen, aber schon zumindest Näherungswerte. Evtl ein blödes Beispiel, aber Wir hoffen, dass klar wird, was Wir meinen.
Jorrig hat geschrieben:Genau dafür sind sie gewählt, und das hat Merkel getan. Man klagt über "Stasis", aber in der einen Entscheidung, in der sich Merkel unmissverständlich festgelegt hat, dafür wird sie kritisiert. Das Gleiche kann man für Schröder mit der Agenda 2010 sagen, Schmidts NATO-Doppelbeschluss oder Kohl mit dem Euro. All diese Entscheidungen waren Wetten auf die Zukunft, von denen die Politiker nicht absehen konnten, wie sie aufgehen würden. Daher finde ich es gut, dass sie sich in der Frage endlich einmal aus der Deckung getraut und entschieden hat - in welche Richtung auch immer.
Partielle Zustimmung, wobei zumindest Wir hinter all den von Euch genannten Entscheidungen mehr Kalkül, mehr Ratio sehen, als bei der Entscheidung der Kanzlerin. Klar konnte man bei keiner dieser Entscheidungen sagen, wie es ausgeht. Beim Euro ist das ja auch noch sehr offen (wobei man da evtl. zwischen der Entscheidung des "Ob" und der Entscheidung des "Wie" trennen muss), bei der Agenda 2010 gibt es geteilte Meinungen und beim Nato-Doppelbeschluss sind Wir jetzt zu faul, nachzuschauen, ob die Geschichtsschreibung dieser Entscheidung einhellig die Wirkung zuschreibt, die Wir damit verbinden. Sprich: Bei all diesen Entscheidungen gab es gewichtige und leicht zu durchschauende Gründe dafür, handgreifliche Vorteile, die für diese Entscheidungen im Raum standen, natürlich auch Risiken, die dagegen sprachen. Uns ist eben bei der Flüchtlingsfrage (nochmal: Moral für den Moment mal draußen gelassen) der augenblickliche Nutzen nicht ersichtlich und die augenblicklichen Nachteile deutlich. Das kritisieren wir.
Jorrig hat geschrieben:Vom Argument der Sozialkassen, die ja so übermässig belastet würden durch die Flüchtlinge, halte ich nicht viel. Wenn der Staat so denken und handeln würde, müsste er auch Emigration derjenigen verbieten, die in Deutschland ausgebildet wurden. Sprich, er hätte mich an der Emigration in die Schweiz hindern müssen, da ich so bald 20 Jahre lang kostenlos ausgebildet wurde und nur drei Jahre lang (Einkommens-)Steuern gezahlt habe. Rationales Handeln wäre also: Grenzen dicht und keinen Deutschen mehr rauslassen! Ausser Sozialhilfeempfängern, chronisch Kranken, Rentnern usw. natürlich. Ich bin fest überzeugt, dass diese Dreisatzlogik immer zu kurz greift und in den meisten Fällen falsch ist.
Da habt Ihr Unseren Gedankengang auf der Hälfte verlassen: Neben der "kalten Ratio", dem Nutzendenken, gilt es für die Regierung immer auch den Rahmen zumindest des Grundgesetzes zu beachten. Euer "Ausreiseverbot" für Akademiker/Facharbeiter/Sonst "wertvolle" Menschen wäre damit schlicht und einfach nicht in Einklang zu bringen. Also ist es keine Option, die der rationalen Abwägung unterliegt.
Andersherum wird aber sehr wohl ein Schuh draus. Was der Staat nämlich durchaus machen kann und darf, ist die
Einreise derjenigen, die man für den Arbeitsmarkt dringend braucht, nach Kräften zu fördern. Sprich ein Einwanderungsgesetz, welches es Menschen mit den Berufen/mit dem Bildungsstand, die man dringend braucht, relativ einfach, ja sogar schmackhaft macht, hierher zu kommen. Dass es das nicht schon lange gibt, ist traurig. Nur ist eben die Auswahl "der Besten" nach Nützlichkeitskriterien etwas deutlich anderes, als die Entscheidung "jeden" herein zu lassen.
Koenigsmoerder hat geschrieben:Dahingehend muss sie sich am Ende vor allem an der Wahlurne verantworten, ob sie da genug gemacht hat. Und genauso umgekehrt: wir räumen unseren Volksvertretenern weitreichenden Spielraum darüber ein, wofür sie unser Steuergeld ausgeben. Auch darüber wachen vor allem wir als Wähler. Und auch wenn aus gewissen Ecken immer behauptet wird, man spreche für die "schweigende Mehrheit des Volkes", scheint die große Mehrheit des Wahlvolkes dann unterm Strich doch der Meinung zu sein, dass es bei allen Problemen insgesamt richtig war, dass man die Flüchtlinge nicht auf dem Balken hat erfrieren lassen, ihre Schiffe nicht im Mittelmeer versenkt und wer trotzdem durchgekommen ist, per Fallschirm über über der Sahara abgeworfen hat.
Im Prinzip sehen Wir das auch so. Wir behaupten auch nicht, dass es eine schweigende Mehrheit "gegen Flüchtlinge" gibt, dazu fehlen Uns bereits die Daten, zumal solche sich nur aus Befragungen irgendeiner Art ergeben könnten, die wiederum nicht zwingend genau stimmen müssen und auch von der Art der Fragestellung abhängen, aber lassen Wir das. Andersherum aber daraus eine große Zustimmung zu stricken, dass in der Mehrzahl der Prozente Parteien gewählt wurden, die "für Flüchtlinge" sind, greift auch zu kurz. Eben weil wir eine repräsentative Demokratie haben, ist jede Wahlentscheidung eine Paketentscheidung. Neben Flüchtlingspolitik wird über ziemlich viel anderes abgestimmt. Nur derjenige, für den "Flüchtlinge" alle anderen Themen überwiegen,
kann CDU, SPD etc. nicht mehr wählen und wählt im Zweifel AfD. Wer aber im Paket trotz Nicht-Übereinstimmung in dieser Frage immer noch die größte Übereinstimmung mit den Inhalten (welche auch immer das sind

) der CDU sieht, wird dort sein Kreuz machen. Ihr versteht, worauf Wir hinauswollen. Das Wahlergebnis hat demnach neben Eurer Lesart noch zumindest eine zweite mögliche, nämlich, dass "Flüchtlinge" nicht das allein entscheidende Thema (trotz hoher Medienpräsenz) war.
Koenigsmoerder hat geschrieben:Und genauso ist es letztlich auch hypothetisch, ob irgendjemand nicht möchte, dass seine Steuern für Flüchtlinge oder für Arschlöcher auf den Kopf gehauen werden. Es mag sich aus unterschiedlichen Grundlagen ableiten - vielen Dank für die Mühe des Heraussuchens - aber am Ende wird weder dem einen, noch dem anderen darüber mehr Mitbestimmung als über Erst- und Zweitstimme hinaus eingeräumt.
Das nicht, aber wie weiter oben angeführt, sind die handelnden Politiker, nachdem sie Unsere Stimme bekommen haben, nicht frei, sondern müssen zumindest im Ansatz jeden Euro rechtfertigen, den sie ausgeben. Nur weil man gewählt ist, ist man nicht frei (bspw.) für 10 Mrd.-Euro eine 10 Meter hohe goldene Angela-Merkel-Statue vors Kanzleramt zu bauen (Wir übertreiben bewusst).
Koenigsmoerder hat geschrieben:Übrigens kann man sich diese ganze "Henne oder Ei?"-Klamüserei von wegen Geld, Anspruch hier zu sein usw. eigentlich schenken. Die Antwort steht oben: entweder Europa nimmt sie auf oder sie wären massenweise verreckt. Simple as that.
Das sehen Wir nicht so, wollen es aber auch nicht vertiefen. Darüber ist schon viel in diesen Hallen diskutiert worden, zumeist ohne Ergebnis oder auch nur Annäherung.
Koenigsmoerder hat geschrieben:Von daher verzeiht Uns bitte, dass Wir den Rest Eures Postings entsprechend knapp abhandeln.
Weil Wir können nicht erkennen, was an Eurer "Option B" rational sein soll. Denn Rationalität ist ein bisschen mehr als alles auf den Nutzen für das deutsche Volk abzustellen. Das mag die Primärpämisse (ist das jetzt eigentlich gedoppelt?) sein, aber wenn eine große Mehrheit des deutschen Volkes dafür ist, dass man die Leute nicht Gefahr laufen lässt, dass sie einfach zwischen irgendwelchen Grenzzäunen verrecken, dann darf auch die dem deutschen Volke verpflichtete Regierung mal im Sinne der Staatsbürger anderer Länder aktiv werden.
Nur bedingt. Wie ihr oben angesprochen habt, sind Wir eine repräsentative Demokratie. Die Abgeordneten sind nicht nur ihren jeweiligen Wählern verpflichtet, sondern sie repräsentieren alle, auch diejenigen, die sie nicht gewählt haben. So wie die mehrheitliche Wahl von Parteien (wie oben dargelegt) nicht
zwingend bedeutet, dass in jeder Einzelfrage die Bevölkerung mit den von diesen Parteien vertretenen Ansichten übereinstimmt, so sind andersherum die gewählten Entscheidungsträger auch manchmal gehalten,
gegen einen wohl mehrheitlichen Volkswillen in einer Einzelfrage zu votieren. Und zwar deswegen, weil die summierte Einzelmeinung nicht zwingend die rational richtige sein muss, eine solche wird aber von der Politik erwartet ("Nutzen des Deutschen
Volkes mehren" (und nicht dem Willen seiner Mehrheit zu entsprechen)). Wenn die Regierung also Geld, dessen Verwendung sie allen gegenüber rechtfertigen muss, für Bürger anderer Staaten ausgeben will, so mag das im Einzelfall gerechtfertigt sein, aber doch keineswegs deshalb, weil eine (möglicherweise knappe) Mehrheit der Bevölkerung das will. Der Einzelne Bürger darf das, er entscheidet frei, ob er sein Geld verjubeln oder für wohltätige Zwecke spenden will. Der Staat ist da sehr eingeschränkt. Er hat zunächst wie Mr. Spock ohne Gefühle (im Rahmen des Grundgesetzes) abzuwägen, was das beste wäre, und kann dann seine hieraus resultierende Entscheidung im Einzelfall aus anderen Gesichtspunkten mehr oder weniger leicht abändern. Unsere Meinung.
Koenigsmoerder hat geschrieben:Aber wenn wir schon bei Rationalität sind: am rationalsten wäre es doch wohl zu sagen, dass es für eine Staatengemeinschaft mit 500 Mio Einwohnern kein ernstliches Problem darstellen kann, temporär 1 Mio Flüchtlinge aufzunehmen. Und diese Million dann als Weckruf zu verstehen, dass gesetzliche Bestimmungen (Dublin) überarbeitet werden müssen (weil nicht praktikabel) und die EU sich in vielfältiger Weise in ihrer Nachbarschaft engagieren muss, wenn nicht bald die nächste Million vor der Türe stehen soll.
Das ist ein schwieriges Thema: Wäre es ersichtlich, dass es nur 1 Million bleiben wird und dass diese Million (zumindest in ganz großen Teilen) auch nur temporär bleibt, wäre die Zustimmung sicherlich deutlich höher, als sie es ist, genau diese Annahmen sind aber höchst unsicher. Der nächste Punkt ist, dass man die 500 Millionen EU-Einwohner und ihre Staaten nicht über einen Kamm scheren kann. Nicht alle denken wie "wir" und es ist legitim, anderer Auffassung zu sein. Wir sind uns wahrscheinlich einig, dass - egal wie man dazu steht - die gewählte Politik eine hohe ethisch-moralische Komponente hat. Ein solches Denken kann man aber bei anderen nicht voraussetzen. Beispiel: Nur weil Wir der Meinung sind, in der Kirche immer einen Schein in den Klingelbeutel zu werfen, können Wir nicht Unseren Nebensitzer scheel anschauen, weil der immer nur 50 Cent einwirft. Hinzu kommt, dass es auch
erhebliche Unterscheide gibt, wie die einzelnen Mitgliedsstaaten wirtschaftlich dastehen und wie es ihren Bürgern im Schnitt geht. Nur weil wir als Land uns derartiges zumindest für einen kürzeren Zeitraum schon leisten könnten, heißt das nicht, dass Bulgarien, die Slowakei oder wer auch immer das auch gut kann.
Stichwort "Fluchtursachen bekämpfen" sprecht Ihr noch an: Den Ansatz finden Wir gut, aber Uns allen dürfte klar sein, dass die beiden wesentlichen Ursachen, sich auf den Weg nach Europa zu machen, Krieg einerseits und ein erhebliches wirtschaftliches Gefälle zwischen Europa und den Herkunftsstaaten andererseits entweder gar nicht oder nur sehr langfristig bekämpft werden können. Man kann vieles tun, um die Lebensverhältnisse dort zu verbessern und das sollte man auch (bereits rational, denn sonst stehen die hier auf der Matte, wie Ihr richtig sagt), aber das wird kaum zeitnah gelingen und ist daher nicht "die Lösung" für die momentane Situation.