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Verfasst: Do 19.05.2016, 23:35
von Karl Quenzer
deltadagger hat geschrieben:
Je schneller und mangelfreier gebaut wird, um so mehr bleibt dem Unternehmen übrig - hat man alles in eigener Hand wird natürlich dann auch schnell und gut gebaut - eigentlich ganz einfach, erzählt aber mal das einem X-beliebigen Politiker...
meist erntet man Unverständnis pur - leider.
"Marktwirtschaftlich gedacht" ist genau nicht ein privates Unternehmen mit den Einnahmen aus der Maut zu bewerfen nur damit es seinen vertragsgemäßen Pflichten nachkommt. Wir sprechen uns nach Ablauf der 25 Jahre wieder, wenn man die privaten Gewinne der privaten Investition gegenüberstellen kann. Bis dahin bleibt dann noch zu beobachten inwiewit ein privater Investor Interesse daran hat, Gelder in die Instandsetzung zu stecken solange der LKW-Verkehr noch halbwegs rollt.
Wir gehören nicht zur Fraktion derer, die Markt und Wettbewerb abschaffen wollen. Es ist nur ziemlich schlechte Ökonomie zu behaupten in Branchen wie "Investition in öffentliche Infrastruktur" herrschte freier Wettbewerb. Selbst wenn die A8 eine Schlaglochsafari wird, wird deswegen trotzdem keine Konkurrenzautobahn daneben gebaut.
Verfasst: Fr 20.05.2016, 00:31
von Sugar
http://www.heise.de/tp/artikel/27/27893/1.html
Öffentliche Daseinsvorsorge zu privatisieren ist nie eine gute Idee:
1998 brach im Norden für 66 Tage das Stromnetz komplett zusammen, die Fluggesellschaft stand vor dem Konkurs und die Infrastruktur war weitgehend abgenutzt
Ähnliche Beispiele gibt es bei der Müllabfuhr. Auch PPP ist selten eine gute Idee:
Das Kartellamt mußte dafür sorgen, daß die exorbitanten Wasserpreise wieder gesenkt werden.
Der Staat kann sicher nicht alles besser. Er muß aber keine Rendite erwirtschaften und hat deshalb einen Preisvorteil. Wieso man bei der derzeitigen Zinslage unbedingt private Investoren braucht, ist völlig unverständlich:
Verfasst: Fr 20.05.2016, 07:47
von spiegelfechter
Von einer komplett freien Marktwirtschaft halten wir gar nichts, werter Deltadagger. In unseren Augen führt das nur zu US-ähnlichen Zuständen und die lassen uns erschaudern.
Prinzipiell erachten wir bestimmte Bereiche, wie die Wasser- und Stromversorgung, das Gesundheitswesen und dergleichen, als rein in öffentlicher Hand besser aufgehoben.
Euer Beispiel der A8 zeigt das es auch Vorteile geben kann, aber wir meinen uns zu erinnern, das bei einem Projekt von Staat und Wirtschaft für die A9, der Bundesrechnungshof feststellte, dass wenn der Staat allein beteiligt gewesen wäre, es günstiger gewesen wäre.
Natürlich könnte das auch an einer komplett gegenläufigen Berechnungsgrundlage und -handhabe liegen.
Verfasst: Fr 20.05.2016, 08:31
von Karl Quenzer
deltadagger hat geschrieben:
Hier ist genau euer Gedankenfehler, es geht nicht darum vertragliche Pflichten mit der Maut zu bezahlen -der Vertrag sieht primär vor, die BAB zu bauen-
sondern im Sinne einer Partnerschaft den Bund von Schulden zu verschonen -die Finanzierung erfolgt rein privat, die Wartungskosten geregelt in private Hände zu legen -kosten werden optimiert
und als Belohnung für die Nichtbelastung öffentlicher Kassen nach Ablauf des Kontrakts eine Gratifizierung als Privatinvestor zu erhalten.
Letzeres wäre noch zu beweisen, das kein Mensch natürlich 25 Jahre im Voraus erkennen kann,
ob allfällige Wartungskosten nicht den Gewinn gegen null oder ins negative belasten. aber selbst dieses Risiko verbleibt zunächst beim privaten Investor.
Private Unternehmen wollen einen Gewinn. Staatliche Unternehmen kommen ohne aus. Für den Steuerzahler günstiger wäre PPP genau dann, wenn Privatunternehmer systematisch dämlicher wären als Regierungsvertreter oder kollektiv der Dyskalkulie erlägen. Davon ist im Mittel aber nicht auszugehen.
Der gedachte Sinn des Vertrags ist mir schon bewusst. Worauf ich mit den vertragsgemäßen Pflichten hinauswill ist, dass in einem anderen politischen Umfeld Verträge durchaus so abgeschlossen werden können, dass auch private Unternehmen für Versagen haften. Da wo Betriebsvermögen absehbar nicht ausreicht um explodierende Mehrkosten abzudecken kann man den Unternehmer zur Rückversicherung verpflichten. Wenn sich kein Versicherungsunternehmen findet, dass das Risiko zu vertretbaren Kosten absichern will, dann vermutlich aus gutem Grund. In diesem Fall: Lieber gleich selbst bauen.
deltadeggar hat geschrieben:Wie ihr wohl bemerkt habt, sind wir für eine komplett freie Marktwirtschaft.
Eine andere Vergabepraxis öffentlicher Aufträge beeinträchtigt unserer Meinung nach in keiner Weise die "Freiheit" der Marktwirtschaft. Zu dieser gehört ja gerade die Vertragsfreiheit für alle Marktteilnehmer, einschließlich des Staates.
Verfasst: Fr 20.05.2016, 08:47
von Longstreet
Es ist doch klar worauf es hinauslaufen soll: die öffentliche Hand soll qualitativ 100% für das wenigst mögliche Geld bringen. Da müssen also wahre Tausendsassas sitzen, die sprichwörtlich aus Scheiße Gold machen sollen. Die Bürger erwarten absolute Qualität - am Besten mit dem geringsten Aufwand an Steuermitteln.
Uns schaudert davor, was man inzwischen über Reinigungsbetriebe weiß: die Verwaltung schreibt diese Leistung europaweit aus - pflichtgemäß. Man erwartet am Ende des Tages, dass die Reinigungsleistung, die zu 100% bezahlt wird auch zu 100% erbracht wird (ist ja auch alles nicht so schwer - man macht halt sauber; komplexe Berechnungen sind da nicht zu erwarten, größtes Hindernis wird wohl ein ausgelatschtes Kaugummi auf den Fliesen im Flur sein....). Soweit so gut: zunächst wird gespart am Putzmittel. Für den Fußboden in Schulen und Bibliothek gibt der Hersteller Reinigungshinweise - egal! Wir nehmen den rumänischen Abbeizer, der wirkt Wunder und den gibt's im Kubikmeter zu 3,64 EUR. So - der Boden in den Schulen hat keine Farbe mehr und in der Bibliothek sieht es aus als hätte jemand hingepinkelt und manche Stellen poliert andere wiederum abgemattet.
Toll! Schadensregulierung: denkste. Da wird sich solange gewunden, bis nix mehr geht. Schließlich wurde die Reinigung ja nicht von Fachkräften erledigt. Aha. Überhaupt sollte man nur damit rechnen, dass 60-80% der ausgeschriebenen Leistung erbracht werden - W00t? Für 100% Bezahlung? Wie jetzt? Demnächst verkauft Uns der Autohändler ein Auto mit 3 Rädern - man sollte eben nur ca. 80% erwarten. Immerhin fehlen hoffentlich die Bremsen nicht. Im Krankenhaus wird dann auch der Klempner mal versuchen eine Darm-OP zu machen, na zumindest nicht ganz fachfremd.
Hallo merkt noch jemand was? Das ist dann die "Industrie", die es besser macht?
Dazu:
Ihr merkt schon - Dauerbrenner

Verfasst: Fr 20.05.2016, 10:38
von Sugar
Werter Deltadagger,
es ist doch wunderbar, wenn Euer Beispiel mit der A8 funktioniert, dann gabs ein schnelleres Bauende mit befriedigendem und nachhaltigem Ergebnis.
Leider lassen sich die beteiligten Konsortien und Regierungen nicht in die Karten kucken, welche Vertragsinhalte vereinbart sind. In allen Fällen, wo Einsicht in solche Verträge gewährt wurde, hatten sich Unternehmen Umsätze und Einnahmen garantieren lassen, was das unternehmerische Risiko auf die Allgemeinheit abwälzt. Im Fall einer Insolvenz umso mehr.
Da es sich aber insgesamt nur um eine alternative Form der Finanzierung zur Entlastung der öffentlichen Haushalte handelt - wozu derzeit kaum Anlaß besteht - halten Wir die in den meisten Fällen für verzichtbar. Letztlich ist es nur eine Verschleierung von Staatsverschuldung: es wird zwar die Gesamtverschuldung reduziert, dafür entfallen für lange Zeit auch die Einnahmen.
Verfasst: Fr 20.05.2016, 12:15
von Sugar
Volle Zustimmung, Wir sehen da auch keinen Widerspruch. Die mangelhafte Eigenkapitalausstattung ist ein uraltes Problem dt. Unternehmen, die mangelhafte Zahlungsmoral mind. genauso. Die spezielle Rolle der Banken und das Kreditvergabesystem (Basel III) sind nochmal ein ganz anderes Thema.
Bis 2014 sind nach einem Gutachten des Bundesrechnungshofs 5 der 6 Autobahnprojekte, die als PPP realisiert wurden, teurer geworden als dies bei konventioneller Umsetzung der Fall gewesen wäre.
Es gibt nur leider insgesamt kaum gelungene Beispiele für PPP:
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentlich-private_Partnerschaft
Die weitaus meisten PPP-Projekte werden in Großbritannien realisiert. 2002 startete das Prestigeprojekt für die Sanierung und den Betrieb der Londoner U-Bahn. London sollte innerhalb von 30 Jahren insgesamt 45 Mrd. Euro an Mieten an die Investoren zahlen. Doch bereits 2007 gingen die Investoren in die Insolvenz. London musste die Verpflichtungen der Investoren übernehmen und unter eigener Regie von vorn beginnen.
Wie gesagt, Wir bezweifeln nicht grundsätzlich die höhere Effizienz privater Unternehmen bei Bauvorhaben. Als alternative Form der Finanzierung für öffentliche Bauvorhaben erscheint PPP mindestens derzeit ungeeignet.
Verfasst: Fr 20.05.2016, 12:17
von [B@W] Abominus
Ich kann zumindest im Bereich PPP sagen, dass es bei meinem ehemaligen Arbeitgeber super geklappt hat. Das ist aber leider nicht immer so.
Verfasst: So 29.05.2016, 21:54
von Karl Quenzer
"Wenn Angela Merkel am 1. Juni bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels in die Kameras lächelt, müsste sie vor Scham im Boden versinken. Während die Schweiz den längsten Eisenbahntunnel der Welt gebaut hat, bleibt das Schienen-Nadelöhr Basel–Karlsruhe noch mindestens 20 Jahre bestehen."
http://www.kontextwochenzeitung.de/poli ... -3663.html
Wer hat's gebaut? Hoppla, die staatliche Schweizerische Bundesbahn.