Holland. Das Geduldsspiel
Ich hatte gestern eine interessante Diskussion mit Doc. Er meinte, Holland hätte 1492 ein Problem, weil es so klein starte. Er müsse hoffen, sich früher oder später mit dem Schwert seinen Platz an der Sonne zu erobern. Dafür bedürfe er möglichst schnell seiner Kernprovinzen. Ich sehe das anders. In EU2 haben Länder Charaktere. Hollands Charakter ist: Klein sein. Kleinsein kann eine große Stärke sein. Es birgt gleich mehrere Vorteile:
1. Ein Einprovinzler zahlt nur halb so viel für eine Tech wie ein 8-Provinzler. Aber ein Großteil der Forschungseinnahmen ist nicht abhängig von der Anzahl der Provinzen: Monarchenboni, , Nachbarboni, Handelseinnahmen und Manufaktureinnahmen und Einnahmen von Vasallen sowie alles andere, was man von der KI kriegen kann (Plünderung, und Friedenscash zum Beispiel).
2. Stab ist überhaupt kein Thema.
3. Man kann in der Diplomatie seine Niedlichkeit ausspielen.
Holland hat zu Beginn Forschungseinnahmen von gut 500D im Jahr dank Nachbarboni und Monarchen. Tendenz: Zunächst steigend. Sobald man bei den Militärtechs aufgeschlossen hat, wird’s weniger.
Allerdings: Handel kommt hinzu. Holland hat Trade 3 und gute Slider: Handelseinnahmen von 100 im Jahr stecken auch dicke im europäischen Handel. Dazu reichen auch die paar holländischen Händler. Das Forschungseinkommen ist für dieses Holland = Techspeed.
In Schritten von 20 und 10% wird dieses Einkommen schrittweise entwertet, wenn man expandiert. Als Zweiprovinzler mit Friesen ist die Techspeed 620/1,2 – 520. Mit Holland ist sie 645/1,4= 460. Zeeland: 660/1,5= 440. Mit Brabant: 690/1,6= 431. Mit Flandern: 770/1,8=427.
6-Provinz-Holland forscht also ca. 30% langsamer als ein Einprovinzholland.
Gut, Provinzen bringen natürlich nicht nur Monatseinkommen und das Spiel geht nicht nur um Forschung.
Es gibt dazu also noch Bargeld: 100 D im Jahr zusätzlich bei hoher Stab. Dieses Geld könnte man natürlich aufwenden, um auf Raffinerien zu sparen. Flandern bringt zudem einen weiteren Händler. Aber selbst mit Raffinerie wird der Verlust für die Forschung nicht ausgeglichen. Zumal man mit etwas Geschick auch als Einprovinzler eine Raffinerie bauen kann.
Provinzen bringen zudem Manpower und Schiffsupport. Manpower spielt für Holland keine Rolle. Als Einprovinzler hat man 10, ein 6-Provinz-Holland dank Slider ebenfalls: 10. Vielleicht 12,5. Wen schreckt man damit ab? Militärisch stellt sich für Holland die Frage: Ist es besser, keine Rolle zu spielen, oder reichts mir, überhaupt keine Rolle zu spielen, in den ersten 50 Jahren.
Schiffsupport: Als Sechsprovinzer kann Holland mehrere Hundert Schiffe unterhalten, was nett ist. Allerdings geht’s zu Beginn darum, die Forschungsgeschwindigkeit zu verbessern. Das geht nicht, wenn man 100 Galeeren bauen und unterhalten muss.
Zudem: Was will man denn um 1530 mit 100 Galeeren? England für Karten überfallen? Davon abgesehen, dass das ohnehin riskant ist, tritt man höchstwahrscheinlich mit unterlegener Tech an. Zudem: Was will man mit den Karten? Frühe Kolonien gründen? Vom Zensus 2 Siedler pro Jahr verschicken um schneller auf 8 Provinzen zu kommen und die eigene Techspeed endgültig zu ruinieren?
Kurz: Die mehr Provinzen werfen Holland technologisch bis 1540 oder so deutlich zurück, ohne es an anderer Stelle nennenswert zu entschädigen.
Die diplomatische Lage:
Diplomatisch verschlechtert sich durch das Kleinbleiben auch nichts. Wie gesagt: Holland ist militärisch zunächst ein Nicht-Faktor. Ob mit 6 Provinzen oder mit einer. Die drei angrenzenden Landmächte hüsteln einmal, wenn Holland einer beliebigen Allianz beitritt, schicken ihre billige Kav und aus ist’s.
Dagegen hat der Österreicher natürlich ein großes Interesse daran, seine niederländischen Besitzungen zu behalten. Es hat auch anderweitig Verwendung für ein kleines Holland, das Zeit seines Lebens keine Probleme mit Badboy oder Stabilität haben wird. Ebenso Brandenburg. Die 25 Kriegsschiffe könnten auch Schweden von Vorteil sein, wenn es gegen Dänemark zieht. Viel mehr wird auch Sechsprovinzholland nicht anbieten können.
Später sollten alle der angrenzenden Landmächte ein Interesse daran haben, dass Holland früher oder später eine ernstzunehmende Seemacht wird. Im Gegensatz zu England und Schweden ist Holland von ihnen unter Druck zu setzen. Wenn es irgendwann darum geht, gegen Allianzen mit Seemacht Warscore zu holen, ist Holland also sehr wertvoll für sie alle.
Kurz: Ich würde versuchen, Holland bis 1530/1540 als Einprovinzler zu spielen und mich mit allen gut stellen, möglichst viel handeln und die Führung in der Forschung übernehmen. Zusehen, bis dahin von Österreich die Zusage auf Holland, Seeland und, wenn’s geht, Flandern zu bekommen. (Brabant und Friesland bringen keinen Schiffsunterhalt – das sind für eine Seemacht keine wichtigen Provinzen). Dann anfangen, die Flotte aufzubauen.
An Karten für Asien, wo das meiste Geld im Handel sitzt (und wo übrigens auch Länder sitzen, die Karten von kolonisierbaren Provinzen haben), sollte man relativ leicht kommen. Schließlich haben Landmächte wie der Osmane, Mogul oder China ein Interesse daran, dass es möglichst viele bedeutende Seemächte gibt. Ein vernünftiger Mogul könnte auch ein CoT „vermieten“: Für den Mogul bringt ein CoT 5 D an Monatseinnahmen. Mit dem zusätzlichen Händler kann er lange nichts anfangen. Handelsverbote kann er lange gar nicht aussprechen. Das CoT ist also für ihn nichts als ein bisschen Forschungseinkommen. Er braucht dagegen dringend Bares, um seine Provinzen zu konvertieren. Holland könnte anbieten, 40D Cash pro Jahr für den Besitz des CoT’s zu zahlen: Wenn der Handel erstmal brummt, kann Holland die leicht drucken. Das wäre für beide Seiten ein vorteilhaftes Geschäft.
Bis 1580 kann man die Zeit nutzen, um durch Handel reich zu werden, Schiffe zu bauen und so weiter. Dann beginnt das goldene holländische Zeitalter, es kommen Entdecker, Conquis, Generäle und Admiräle im Überfluss. Wenn dann kein Platz auf der Welt mehr zum Kolonisieren frei ist, ist Holland feiner Partner für alle, die gerade mit Spanien, Portugal, England, Schweden oder Venedig ein Problem haben. Dann beginnt das territoriale Catch-Up in Übersee.
So würd ich’s jedenfalls machen. Klein bleiben, handeln, forschen und verdammt gut aufpassen, dass man immer Freunde hat, dann aufrüsten. So hat’s das historische Holland auch gemacht. Und wurde so in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Weltmacht. Ohne dass es nennenswerten Kolonialbesitz hatte und obwohl sein Territorium nicht größer war als das Bayerns.
Meiner Meinung nach kann Holland diese Strategie 1492 sogar besser fahren, als 1419. Sicher, Burgund ist ein reiches Land. Aber was hat Holland im goldenen Zeitalter davon, sich gegen 1480 mal heftige Kavallerieschlachten mit Frankreich geliefert zu haben? Was will eine künftige Seemacht mit mehr europäischen Provinzen, außer Nachbarn anpissen? Holland, das als Burgund startet, wird bis 1550 - relativ betrachtet - technologisch mit Sicherheit nicht weiter sein, als 1492-Holland. Dafür ist aber ein halbwegs vernünftig gespieltes England im 1419-er absolut überlegen. Nicht durch seinen Festlandbesitz, sondern dadurch, dass es auf seiner Insel Ruhe hat und Manus und Schiffe bauen kann und überhaupt kein Problem hat, an Karten zu kommen. Dafür muss es nicht sonderlich aggressiv gespielt werden: Imp und ich haben etwa die portugiesischen Karten noch nicht mal genutzt. Wir sind über KI-Kartentausch nach Asien gekommen. Und unseren Festlandbesitz haben wir quasi verschenkt, damals.