XIX: Wetter, Waffen, Weltanschauung
Die Kampfgruppe Weber näherte sich Viesialova. Oberstleutnant Kuhnert hatte sich noch nicht wieder gemeldet obwohl man schon wieder ein paar Stunden unterwegs war. Weber überlegte, ob dies bedeuten sollte, dass es keine Verstärkungen geben würde. Mit seiner Kampfgruppe den Gegner anzugreifen, hielt er unter diesen Umständen für Wahnsinn. Das bisschen Artillerie, dass der Kampfgruppe zur Verfügung stand, würde niemals ausreichen einen befestigten Ort zu nehmen und den Fluss zu überqueren. Bei einem Stärkeverhältnis von ungefähr 1:1 konnte er für das Gelingen eines solchen Angriffs keine ernsthafte Chance erkennen. Er überlegte lange und entschloss sich dazu, dies Kuhnert in aller Deutlichkeit zu sagen, denn er wollte nicht ohne Protest seine Soldaten in den sicheren Tod führen.
Kurze Zeit später meldete sich Kuhnert dann doch per Funk, beorderte Hauptmann Weber zu seinem Gefechtsstand und ordnete Funkstille für die Kampfgruppe an. Weber ließ sich von Fahrer Feldkamp in seinem Kübel wieder Richtung Baryssau fahren, wo sich Kuhnert aufhielt. Was hatte das jetzt wieder zu bedeuten? Weber sinnierte still vor sich hin, sodass der Gefreite am Steuer öfter mal erstaunt zu seinem Chef schaute, da dieser sonst nicht so wortkarg war. Schließlich kam Weber zu dem Ergebnis, dass irgendeine größere Aktion bevorstand, da sonst Kuhnert kaum Funkstille angeordnet hätte. Die Frage war jetzt nur, ob Kuhnert glaubte, die Russen so durch einen Angriff der Kampfgruppe Weber überraschen zu können oder ob da mehr dahinter steckte. Weber hoffte inständig auf die zweite Möglichkeit. Seien Laune wurde so düster wie der Himmel. Es schien sich ein Sommergewitter abzuzeichnen. Riesige schwarze Wolkenberge ballten sich zusammen und bald brach es mit Donner, Blitz und Regengüssen los. Weber kam das Wetter wie die Ankündigung seines baldigen Untergangs vor.

Dann hatte man Kuhnerts provisorischen Gefechtsstand erreicht. Weber stieg aus und ging mit einem Kloß im Hals zu Oberstleutnant Kuhnert. „Melde mich wie befohlen“, presste Weber heraus. Kuhnert schaute Weber an und lachte schallend: „ Weber, wie sehen Sie denn aus? Ist Ihnen schlecht? Blass und übelriechend, was? Hähhähähä … stürmen Sie gerade in Gedanken alleine mit Ihrem Haufen das Kaff und über die Beresina? Machen Sie sich mal nicht in die Hosen …. Papa Kuhnert hat das Ding schon geschaukelt, Sie müssen nur noch ausführen und wir kriegen beide das Ritterkreuz! Zunächst mal ne Einweisung in die Feindlage … Hähähähähä … dank der beiden Gefangenen, die die Aufklärungsabteilung gemacht hat, bin ich ganz gut über die Bolschewisten im Bilde. Da liegt ein Bataillon der 27. Schützendivision, das schon ein Drittel seiner Leute verloren hat und mit Rekruten wieder aufgefüllt wurde. Kaum Artillerie, keine Panzer, allerdings eingegraben mit ein paar improvisierten Bunkern, Drahtverhauen und Minen. Die wollen dort einen Brückenkopf halten, um sich die Möglichkeit eines Gegenangriffs offen zu halten. Dolle Traumtänzer, was?“
„Das haben die Gefangenen alles bereitwillig erzählt“, wunderte sich Weber. Wieder lachte Kuhnert laut und hämisch: „Bereitwillig nicht … wir mussten ziemlich nachhelfen, bis die geredet haben. Dann aber gab es kein Halten mehr, hofften wohl, so ihren Hals retten zu können, hat ihnen aber nichts genützt … nach der Sonderbehandlung wären die eh nicht wieder auf die Beine gekommen, da haben wir sie direkt nach der Befragung erledigt, quasi erlöst. Mann … Weber … reißen Sie sich mal zusammen! Wir sind hier im Krieg und nicht bei den katholischen Pfadfindern … ja, da staunen Sie was? Ich weiß noch viel mehr von Ihnen und Ihrem Vater, der wegen seiner katholischen Hetze von der Bewegung gemaßregelt werden musste. Wissen Sie was, Weber … Sie sind ein ganz guter Offizier aber Sie könnten herausragend sein, wenn Sie das richtige Ziel vor Augen und eine richtige Motivation hätten. Das Leben ist Kampf und Kampf ist das Leben! Der Führer hat das richtig erkannt und in kürzester Zeit Deutschland wieder zu Ruhm und Ehre geführt. Heute liegt uns fast ganz Europa zu Füßen und wenn die Sowjetunion erledigt ist, die Welt. Zu Boden geworfen allein durch die Macht der Ideen des Führers. Gibt es einen klareren Beweis für die Richtigkeit seiner Weltanschauung und die Überlegenheit der deutschen Rasse als diesen Krieg? Da kann auch die kleine unwichtige Insel im Norden und Churchill nichts mehr dran ändern. Hier und jetzt geht es um den Endsieg und das Ende der Geschichte, die mit der Herrschaft des großgermanischen Reiches ihre Bestimmung finden wird. Dies ist eine großartige Vorstellung. Die Alternative ist nur der Untergang des deutschen Volkes. Der Einzelne, Sie, Ihre Leute und russische Kriegsgefangene sind vollkommen unbedeutend. Es geht um das große Ganze, da spielen Einzelschicksale keine Rolle. Halten Sie sich das immer vor Augen und nerven Sie nicht mit irgendwelchen humanistischen Gefühlsduseleien! Die stoppen keinen Panzer!“
Kuhnert hatte sich in Rage geredet. Weber ekelte. Ihm lag die Frage auf der Zunge, wie denn der Führer Deutschland retten könne, wenn der Einzelne keine Bedeutung habe, antwortete aber lieber nicht und fragte sich nur, woher Kuhnert so gut über ihn informiert war.
Oberstleutnant Kuhnert unterbrach Webers Gedankengang und kam auf den eigentlichen Grund für Webers Anwesenheit zu sprechen. „Weber … ich habe überall, bei der Division, dem Korps und selbst bei der Armee nach Verstärkungen gefragt. Und alle wollen sie gerne noch einen Übergang über die Beresina und unterstützen uns daher nach Kräften. Der olle Schiefer hat sich nicht lumpen lassen und unterstellt uns das ganze Pionierbataillon der Division mit 3 Kompanien für den Angriff. Außerdem schickt er uns die III. Abteilung des Artillerieregiments der Division. Wir bekommen also zu Ihrer Artillerie 3 schwere Batterien. Das ist noch nicht alles. Die Armee und das Korps haben sich auch ins Zeug gelegt. Man unterstellt uns eine Batterie der Nebelwerfer-Abteilung 5. Zur Feuerunterstützung wird noch eine schwere Batterie der II. Abteilung-Flak-Regiment 14 hinzukommen. Die verfügt über die AchtAcht und soll eventuelle Feldbefestigungen im direkten Richten ausschalten. Dazu kommt noch eine Kompanie der Sturmgeschützabteilung 210. Auch die Luftwaffe denkt an uns. Zur Aufklärung schicken die uns einen Uhu, meine eine FW 189, und …. das wird die Russen in Panik versetzen … 2 Rotten Ju 87. Bei dem Angriff werden keine halben Sachen gemacht. Die Armee schickt uns auch das Brückenbau-Bataillon 7 mit Pontons, damit – sollten alle Brücken gesprengt sein – auch Fahrzeuge zumindest mit Pontonfähren schnell übersetzen können. Die Pioniere haben Sturmboote zusätzlich zu den Floßsäcken verladen. Sie sehen, an alles habe ich gedacht. Mann, Weber, na … was sagen Sie jetzt?“ Kuhnert strahlte Weber an und machte auf jovial.
Weber war beeindruckt. Das war wirklich eine machtvolle Streitmacht, die zusammengezogen werden sollte. Insbesondere die Artillerie sollte den Feind wirkungsvoll niederhalten und den Übergang durch Feuer und Nebel decken können. Mit Booten und Fähren könnte man auch schnell und überraschend Truppen über die Beresina bringen. Weber antwortete: „ Herr Oberstleutnant, ja das sieht dann doch ganz anders aus!“
Wieder lachte Kuhnert laut: „Hähähähähä … sag ich doch! So … jetzt ist aber Geheimhaltung und Überraschung wichtig. Ihre Verbände müssen nachts die Ausgangsstellung für den Angriff beziehen, um dann morgens plötzlich und mächtig loszuschlagen. Also absolute Funkstille und Annäherung im Dunklen! Ich habe die Kommandeure und Chefs der Verstärkungen bereits entsprechend eingewiesen. Haben Sie schon Pläne für den Übergang?“
Weber erläuterte, was er mit seinen Chefs besprochen hatte. Kuhnert stimmte den Weberschen Überlegungen zu und gab sich sehr optimistisch: „ Weber … mit der geballten Feuerkraft, die ich Ihnen zur Verfügung stelle, müssten Sie das Schützenbataillon des Iwan quasi wegfegen. Machen Sie sich jetzt mal wieder auf zu Ihrem Haufen und morgen dann die Erfolgsmeldung an mich. Das wird auch nicht Ihr Schaden sein!“
Weber machte sich auf den Weg zurück. Dieser wurde aber zum Höllentrip, da die Wege durch den Gewitterschauer bereits aufgeweicht waren. Der Kübel schlingerte durch den Matsch und kam eine Stunde später als erwartet bei der Kampfgruppe an. Die Kompaniechefs waren höchst erfreut über die gute Nachricht, die Weber mitbrachte. Alle waren zuversichtlich, dass insbesondere die geballte Feuerkraft von Artillerie und Luftwaffe den Weg ebnen sollte. Gezieltes schweres Feuer und Schnelligkeit beim Übergang schienen die entscheidenden Faktoren zu sein. Weber ließ die Kampfgruppe in einem Waldstück kurz vor dem Zielort anhalten. Die letzte Annäherung sollte im Morgengrauen erfolgen. Spähtrupps gingen vor und erkundeten weiter die Gegend. Dann meldete sich die Artillerie. Die III./Artillerieregiment 283 mit ihren weitreichenden Kanonen hatte schon Feuerstellung bezogen. Kurze Zeit später meldete sich auch die Werferbatterie und gab dieselbe Mitteilung. Dann trudelten auch schon die vorgeschobenen Beobachter der Batterien ein. Als Nächstes traf die Sturmgeschützbatterie ein, die auch im Wald Deckung suchte und dort unterzog.
Das Brückenbau-Bataillon schickte einen Kradmelder. Sie waren – wie Weber - in das Gewitter gekommen. Anders als der Kübel von Weber schafften die schwer beladenen Fahrzeuge es aber nicht durch den Schlamm. Sie saßen im nassen Glibber der ehemaligen Sandwege fest. Sie würden nie rechtzeitig zum Angriff am nächsten Tag eintreffen. Schweres Bergegerät war notwendig, um sie aus dem zähen Dreck herauszuziehen.

Ein bald darauf eintreffender weiterer Kradmelder – über und über mit Schlamm beworfen – brachte eine Nachricht von den Pionieren. Auch die LKW der Divisionspioniere hatten im Schlamm der Wege nach dem Regenguss Probleme. Die Sturmpioniere selbst kamen nur langsam voran und würden erst nach Sonnenaufgang eintreffen. Die Fahrzeuge mit den Sturmbooten hatten sich indes festgefahren und wann diese wieder flott waren, war nicht abzusehen. Die Infanterie müsste also mit den Floßsäcken über den Fluss gebracht werden, es sei denn er wartete weiter. Weber musste nun entscheiden, ob er auf die Pontons und Sturmboote warten und den Angriff verschieben wollte oder ohne Fähre für die Fahrzeuge und ohne die schnellen Boote angreifen sollte. Die Sturmgeschützte könnten dann nur über die Brücke auf das östliche Ufer gelangen.
Weber dachte nach. Die Luftwaffe würde ihm nicht nach Belieben zeitlich unbegrenzt zur Verfügung stehen. Das Erscheinen der Flieger war auf den Morgen terminiert. Wegen der von Kuhnert ausdrücklich befohlenen Funkstille müsste er einen Melder schicken und der würde zu spät zurückkehren mit einer ungewissen Nachricht. Zudem konnte Weber nicht einschätzen, ob die Russen wirklich ihren Brückenkopf länger halten wollten. Auch war ihre Anwesenheit hier nicht lange geheim zu halten. Er befürchtete jeden Moment einen Sinneswandel bei den Russen und das Dröhnen einer Explosion zu hören, die die letzte Brücke zerriss. So entschied er sich den Angriff am Morgen ohne Sturmboote und Pontons zu wagen. Er informierte seine Chefs und die Pioniere über die Lage. Diese waren nicht erfreut, sahen aber die Notwendigkeit des Angriffs am Morgen ein. Dann legte man sich – so man konnte – noch ein paar Stündchen schlafen. Alles was Weber zurzeit tun konnte, hatte er getan.
Im Lichte der ersten Morgendämmerung erreichten schließlich die 3 Pionierkompanien das Waldstück. Sofort mussten sie ausladen und die Floßsäcke einsatzbereit machen und dann ohne weitere Pause die Sturmausgangstellung beziehen. Ihnen folgte die gesamte, mächtig angewachsene Kampfgruppe Weber, die Landser unter der schweren Last der Schlauchboote ächzend. Der Regen hatte den Staub aus der Luft gewaschen, die Luft war klar und die Sicht weit und ungehindert. Es versprach ein schöner Tag zu werden.