Nun stand ich zu diesem Zeitpunkt zwar nicht lachend hinter happy, aber im Großen und Ganzen hätte das durchaus sein können. Tatsächlich können mich so spontane Gefühlsausbrüche kaum beleidigen. Ich kann sie nachvollziehen und vielleicht sogar nachfühlen. Und dass happy eine undiplomatische Ader hat, sich wortgewaltig auszudrücken, haben wir untereinander längst geklärt. Im Übrigen hatte und habe ich mir ebenfalls eine ganze Palette an Flüchen zugelegt, die ich als ordentlicher Italiener natürlich auf Italienisch vortragen würde, käme es denn zu einer Zerschlagung Italiens.
Mal Klartext:
Ich persönlich spiele EU3-MPs weil sie mir die Chance geben, eine interessante Rolle zu spielen. In diesem Fall die Rolle eines Principe. Und der ganz spezielle Reiz ergibt sich daraus, dass sich diese Rolle nach belieben ausschmücken lässt. Wenn ich also einen undurchsichtigen, intriganten, vielleicht sogar feigen Italiener spiele, dann versuche ich nicht nur historisch korrekt zu bleiben

, sondern ich spiele da eine Rolle, die ich einfach einmal ausprobieren möchte. Gestern war ich der brave, treudoofe Skandinavier/ Schwede, heute bin ich der unritterliche Italiener und morgen die ganze Welt.
Für mich steht der Spaß im Vordergrund, den ich insbesondere dadurch empfinde, dass ich Dinge ausprobieren kann, schauen kann, wie meine Umwelt reagiert; also im Grunde dem Grundgedanken eines Strategiespiels nachgehe. Weder bin ich daran interessiert jemanden zu kränken, noch irgendjemanden aus dem Spiel zu katapultieren. Ich bemerke wohl, welche Arbeit ein jeder in sein Land steckt. Daher sinne ich auch nicht darauf, irgendjemanden nachhaltig zu schaden, im Gegenteil; gerade das würde mir die Freude am Spiel nehmen.
Ich erwähne dabei nur ungern, dass EU3 kein Spielziel im engeren Sinne kennt. D.h. jeder Spieler formuliert mehr oder minder sein eigenes Ziel. Und das Gros - so kommt es mir zumindest vor - formuliert das Ziel, möglichst so groß zu werden, dass niemand ihm mehr gefährlich werden kann. Das ist auch vollkommen legitim, zumindest wenn ich Frankreich, Spanien, Österreich spiele. Als Italiener würde ich mich wohl mit diesem Anspruch etwas überheben. Also sucht man andere Ziele, spielt neue Rollen, versucht interessante Spielkonstellationen zu entwickeln.
Von mir aus bin ich eben eine "Verrätersau" - obgleich mir eine italienische Betitelung zusteht, etwa: Figlio di puttana - aber das ist Konsequenz der Rolle, die ich spiele; insofern nehme ich den Ausdruck auch nicht übel. Ich finde, dass ein Strategiespiel auch davon lebt, dass nicht alle Parteien berechenbar sind. Eine gewisse Dynamik muss im Spiel erhalten bleiben. Dass man den Russen und mich an den Pranger stellen möchte, mich sogar vernichten möchte...ja, von mir aus, ich sehe das als unproblematisch und Teil meiner Rolle.
Problematisch wird es erst in dem Moment, in dem vergessen wird, dass es sich hier um ein Spiel handelt; wenn plötzlich der Spieler mit seiner Rolle identifiziert wird. Und der hinterlistige Italiener plötzlich der hinterlistige Titus ist. Ich glaube an diesem Punkt steigert sich der eine oder andere zu sehr in das Spiel hinein. Wenn ich in einen Krieg eintrete, ob mit oder ohne NAP, greife ich nicht irgendeinen Spieler an, sondern eine fiktive Macht, einen Gegner, der vor allem durch die Rolle beschrieben wird, die
ich ihm zuschreibe; z.B. der Franzose: grauenvolle Küche und hassenswerter Feind aller Italiener; spätestens seit dem Kopfstoß eines Zidane

. Dass sich hinter dem Franzosen Che verbirgt, ist mir eigentlich ziemlich egal und dass sich hinter dem Spanier happy verbirgt ist mir noch viel egaler (auch wenn es diese Steigerungsform so nicht gibt).
Was ich damit sagen will: Mir macht das Ganze Theater erst dann Kopfzerbrechen, wenn plötzlich einige danach schreien, "Verrätersäue" nicht mehr mitspielen zu lassen. In diesem Fall muss ich davon ausgehen, dass der Spieler direkt mit seiner Rolle identifiziert wird. Und ganz ehrlich: soweit sollten wir alle noch in der Lage sein, zwischen Realität und virtueller Realität zu unterscheiden. Ich denke hierin liegt bei einigen das größte Problem. Sie beziehen den Angriff auf ihr Land oder den Verrat an ihrem Regenten direkt auf sich selbst; sie selbst fühlen sich angegriffen und wehren sich dem entsprechend, indem sie den vermeintlichen Übeltäter ebenfalls direkt angreifen. In einem solchen Fall macht mir das Spiel keinen Spaß mehr. Weder möchte ich jemanden als Person attakieren, noch möchte ich von jemandem als Person attakiert werden.
Wer der Meinung ist, dass eventuell meine Vorstellung vom Inhalt des Spiels eine falsche ist, kann das durchaus mit mir diskutieren, aber für Duelle Person gegen Person fehlt mir die Lust.
Auf das Machiavelli noch ein wenig Raum zur Entfaltung bekommt.
Grüße aus dem Hause Visconti