von bluelips » Sa 03.09.2016, 22:55
Da ich zwar aus ganz anderen Gründen damit befaßt war, deshalb heute (wieder nach langer Zeit) darüber gestolpert bin, es jedoch zur derzeitigen gesellschaftlichen Diskussion paßt, erlaube ich mir hier einen (von mir abgetippten) Textauszug vorlegen, aus dem natürlich jeder das herauslesen, oder auch das hineinlesen wird, wie seine sozialen oder privaten Imponderabilien das vorgeben. Man kann ja nicht über seinen Schatten springen.... Und mit diesem Man bin ich bereits beim Stichwort:
"
§ 27. Das alltägliche Selbstsein und das Man
…
Früher wurde gezeigt, wie je schon in der nächsten Umwelt die öffentliche "Umwelt" zuhanden und mitbesorgt ist. In der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, in der Verwendung des Nachrichtenwesens (Zeitung) ist jeder Andere wie der Andere. Dieses Miteinandersein löst das eigene Dasein völlig in die Seinsart "der Anderen" auf, so zwar, daß die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausdrücklichkeit noch mehr verschwinden. In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie
man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie
man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom "großen Haufen" zurück, wie
man sich zurückzieht; wir finden "empörend", was
man empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor.
Das Man hat selbst eigene Weisen zu sein. Die genannte Tendenz des Mitseins, die wir die Abständigkeit nannten, gründet darin, daß das Miteinandersein als solches die Durchschnittlichkeit besorgt. Sie ist ein existenzialer Charakter des Man. Dem Man geht es in seinem Sein wesentlich um sie. Deshalb hält es sich faktisch in der Durchschnittlichkeit dessen, was sich gehört, was man gelten läßt und was nicht, dem man Erfolg zubilligt, dem man ihn versagt. Diese Durchschnittlichkeit in der Vorzeichnung dessen, was gewagt werden kann und darf, wacht über jede sich vordringende Ausnahme. Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft. Die Sorge der Durchschnittlichkeit enthüllt wieder eine wesenhafte Tendenz des Daseins, die wir die
Einebnung aller Seinsmöglichkeiten nennen.
Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung konstituieren als Seinsweisen des Man das, was wir als "die Öffentlichkeit" kennen. Sie regelt zunächst alle Welt und Daseinsauslegung und behält in allem Recht. Und das nicht auf Grund eines ausgezeichneten und primären Seinsverhältnisses zu den "Dingen", nicht weil sie über eine ausdrücklich zugeeignete Durchsichtigkeit des Daseins verfügt, sondern auf Grund des Nichteingehens "auf die Sachen", weil sie unempfindlich ist gegen alle Unterschiede des Niveaus und der Echtheit. Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt so das Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus.
Das Man ist überall dabei, doch so, daß es sich auch schon immer davongeschlichen hat, wo das Dasein auf Entscheidung drängt. Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, daß "man" sich ständig auf es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten, weil keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das Man "war" es immer und doch kann gesagt werden, "keiner" ist es gewesen. In der Alltäglichkeit des Daseins wird das meiste durch das, von dem wir sagen müssen, keiner war es.
Das Man
entlastet so das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das; mit dieser Seinsentlastung kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt. Und weil das Man mit der Seinsentlastung dem jeweiligen Dasein ständig entkommt, behält es und verfestigt es seine hartnäckige Herrschaft.
Jeder ist der Andere und Keiner er selbst. Das
Man, mit dem sich die Frage nach dem
Wer des alltäglichen Daseins beantwortet, ist das
Niemand, dem alles Dasein im Untereinandersein sich je schon ausgeliefert hat.
..."
Martin Heidegger, "Sein und Zeit", Verlag Max Niemeyer, 18. Aufl., 2001, p. 127 f.
Kursiv im Original. Fehler beruhen auf meiner Unvähigkeit...

Da ich zwar aus ganz anderen Gründen damit befaßt war, deshalb heute (wieder nach langer Zeit) darüber gestolpert bin, es jedoch zur derzeitigen gesellschaftlichen Diskussion paßt, erlaube ich mir hier einen (von mir abgetippten) Textauszug vorlegen, aus dem natürlich jeder das herauslesen, oder auch das hineinlesen wird, wie seine sozialen oder privaten Imponderabilien das vorgeben. Man kann ja nicht über seinen Schatten springen.... Und mit diesem Man bin ich bereits beim Stichwort:
"[i]§ 27. Das alltägliche Selbstsein und das Man[/i]
…
Früher wurde gezeigt, wie je schon in der nächsten Umwelt die öffentliche "Umwelt" zuhanden und mitbesorgt ist. In der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, in der Verwendung des Nachrichtenwesens (Zeitung) ist jeder Andere wie der Andere. Dieses Miteinandersein löst das eigene Dasein völlig in die Seinsart "der Anderen" auf, so zwar, daß die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausdrücklichkeit noch mehr verschwinden. In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie [i]man[/i] genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie [i]man[/i] sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom "großen Haufen" zurück, wie [i]man[/i] sich zurückzieht; wir finden "empörend", was [i]man[/i] empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor.
Das Man hat selbst eigene Weisen zu sein. Die genannte Tendenz des Mitseins, die wir die Abständigkeit nannten, gründet darin, daß das Miteinandersein als solches die Durchschnittlichkeit besorgt. Sie ist ein existenzialer Charakter des Man. Dem Man geht es in seinem Sein wesentlich um sie. Deshalb hält es sich faktisch in der Durchschnittlichkeit dessen, was sich gehört, was man gelten läßt und was nicht, dem man Erfolg zubilligt, dem man ihn versagt. Diese Durchschnittlichkeit in der Vorzeichnung dessen, was gewagt werden kann und darf, wacht über jede sich vordringende Ausnahme. Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft. Die Sorge der Durchschnittlichkeit enthüllt wieder eine wesenhafte Tendenz des Daseins, die wir die [i]Einebnung[/i] aller Seinsmöglichkeiten nennen.
Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung konstituieren als Seinsweisen des Man das, was wir als "die Öffentlichkeit" kennen. Sie regelt zunächst alle Welt und Daseinsauslegung und behält in allem Recht. Und das nicht auf Grund eines ausgezeichneten und primären Seinsverhältnisses zu den "Dingen", nicht weil sie über eine ausdrücklich zugeeignete Durchsichtigkeit des Daseins verfügt, sondern auf Grund des Nichteingehens "auf die Sachen", weil sie unempfindlich ist gegen alle Unterschiede des Niveaus und der Echtheit. Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt so das Verdeckte als das Bekannte und jedem Zugängliche aus.
Das Man ist überall dabei, doch so, daß es sich auch schon immer davongeschlichen hat, wo das Dasein auf Entscheidung drängt. Weil das Man jedoch alles Urteilen und Entscheiden vorgibt, nimmt es dem jeweiligen Dasein die Verantwortlichkeit ab. Das Man kann es sich gleichsam leisten, daß "man" sich ständig auf es beruft. Es kann am leichtesten alles verantworten, weil keiner es ist, der für etwas einzustehen braucht. Das Man "war" es immer und doch kann gesagt werden, "keiner" ist es gewesen. In der Alltäglichkeit des Daseins wird das meiste durch das, von dem wir sagen müssen, keiner war es.
Das Man [i]entlastet[/i] so das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das; mit dieser Seinsentlastung kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt. Und weil das Man mit der Seinsentlastung dem jeweiligen Dasein ständig entkommt, behält es und verfestigt es seine hartnäckige Herrschaft.
Jeder ist der Andere und Keiner er selbst. Das [i]Man[/i], mit dem sich die Frage nach dem [i]Wer[/i] des alltäglichen Daseins beantwortet, ist das [i]Niemand[/i], dem alles Dasein im Untereinandersein sich je schon ausgeliefert hat.
..."
Martin Heidegger, "Sein und Zeit", Verlag Max Niemeyer, 18. Aufl., 2001, p. 127 f.
Kursiv im Original. Fehler beruhen auf meiner Unvähigkeit... ;)