Um den weiteren Verlauf der Geschichte zu verstehen, müssen wir den Blick weg vom blühenden Cordoba, nach Italien, genauer, nach Genua lenken.
Schon im Mittelalter hatte die mächtige Handelsrepublik einen gewaltigen Einfluss auf die Geschicke der Königreiche Iberiens ausgeübt: So konnten beispielsweise die kanarischen Inseln nur mit Hilfe genuesischer Flotten und Gelder erschlossen werden, im Gegenzug genoss Genua Handelsprivilegien auf der Halbinsel. Dieser Einfluss verstärkte sich mit der Niederlage der Genuesen im Chioggia-Krieg gegen Venedig, die die Vorherrschaft Venedigs über das östliche Mittelmeer besiegelte und Genua in den Westen zwang. Im Nachhinein kann man sagen, dass diese Niederlage Genua mächtiger machte, als es ein Sieg vermocht hätte. Die findigen Kaufleute der Stadt nämlich nutzten die Reconquista geschickt: Sie belieferten sowohl die Mauren als auch die christlichen Königreiche mit Waffen. Die wiederum wurden mit teuren Krediten ligurischer Banken bezahlt.
Um das Geschäft zu erhalten, mussten die skrupellosen Kaufleute dafür Sorge tragen, dass keine Seite die Oberhand gewann. Krieg bedeutete schließlich Gewinn. Als es 1419 so aussah, als würden die christlichen Königreiche der Herrschaft der Mauren endgültig den Garaus machen, unterstützten die Kaufleute die Rebellion des Rahmans. Nach dessen großen Sieg wurden wieder beide Seiten gleichberechtigt unterstützt.
Ganze Inseln, die von den Königen Kastiliens und Aragons als Pfand für den stetigen Geldfluss aus Italien hinterlegt wurden, gerieten so in die Hand der Genuesen: Sardinien, Malta und die Balearen fielen unter die Herrschaft des mächtigen Stadtstaates.
Zwei Entwicklungen aber bedrohten die Rolle der Italiener auf der iberischen Halbinsel: Die Erstarkung Portugals, das begann, seinen Handel selbst abzuwickeln und das Erstarken Cordobas. Hatte man Zweiteres zunächst gerne gesehen, da man hoffte, von einer Schwächung Portugals zu profitieren, drohte die Balance seit Mitte der Dreißiger Jahre zu kippen.
Das Kaliphat nämlich entwickelte sich unter al Hakam zu einer Großmacht auf Augenhöhe mit Königreichen wie Frankreich und England. Die Gewinne des dritten iberischen Krieges ließen es unwahrscheinlich erscheinen, dass die christlichen Königreiche auf der Halbinsel der neuen Macht des Kaliphats noch trotzen könnten. Portugal hatte die Reconquista für beendet erklärt und mit ihm fiel auch sein Vasall Kastilien als Gegengewicht zur maurischen Macht aus. Der kluge Diplomat al Hakam hatte sich zudem mit seinen Glaubensbrüdern im Maghreb ausgesöhnt.
Die Zeichen standen auf Frieden. Tommaso de Campofregoso, dem starken Mann in Genua, konnte dies nicht gefallen.
In Cordoba hingegen beschäftigten andere Fragen den immer noch jungen Kaliphen. Vor allen Dingen musste entschieden werden, wie mit den Christen verfahren werden sollte, die nun immerhin gut 30% der Bevölkerung seiner Herrschaft ausmachten.
Vielen schien es nur gerecht, dass die Hunde büßen müssten für das Leid, das sie unter den Mauren verursacht hatten: War nicht Cordobas Verfall auch der Tatsache geschuldet gewesen, dass das Land nie eine wirkliche Einheit werden konnte, da es konfessionell gespalten war? Hatten die Christen, die über Jahrhunderte unter dem Schutze der Kaliphen standen, deren Toleranz nicht bespuckt, indem sie die Kindermördern unter dem Kreuzbanner zugejubelt hatten und nicht zögerten, ehemalige Nachbarn um Grund und Leben zu bringen? War all dies nicht Grund genug, es ihnen heimzuzahlen, die alten Rechnungen zu begleichen?
Al Hakam dachte anders. Wohl sah er das Leid, das die Christen über Al Andalus gebracht hatten, er verstand den Zorn seiner Landsleute. Auch war er ein durchaus religiöser Mensch. Doch er wusste, dass es nicht die Religion allein war, die einen Menschen bestimmte. Und Frieden, das war ihm klar, ließ sich nur erreichen, wenn in den Köpfen der Menschen Frieden herrschte. Rache aber schien ihm kein Weg, der diesem Ziel zuträglich ist. So gewährte er den Christen und Juden in Al Andalus alle Rechte, die auch den Muslimen zustanden. Keinerlei Benachteiligungen sollten Anlass zu Zwist und Misstrauen bieten. Selbst Mischehen wurden gestattet. Einzig die Erziehung von Kindern aus solchen Beziehungen, so verfügte er, solle nach der Lehre Mohammeds geschehen.
Al Hakam hatte mit dieser Entscheidung Unerhörtes gewagt. Nirgends auf der Welt herrschte ähnliche Toleranz. Nur durch das Charisma des jungen Kaliphen, der sich durch seinen vorbildlichen, auch persönlichen Einsatz im Krieg unter Soldaten und Untertanen Respekt und Vertrauen erworben hatte, war es zu erklären, dass die Kritik an seinen Maßnahmen nicht in öffentlichen Aufruhr mündete.
Und noch etwas mochte die Kritik im Zaume gehalten haben: Der Aufschwung nämlich, den die Wirtschaft in Al Andalus nahm. Befreit von der Zinslast der genuesischen Kredite und den Lasten des Krieges konnte das Kaliphat nun endlich erblühen. Mit den Steuergeldern und den reichen Einnahmen aus den Silberminen Toledos wurden Römerstraßen restauriert und ausgebaut, Häfen wurden angelegt, Schulen eingerichtet, die Verwaltung gestrafft und die hygienischen Bedingungen drastisch verbessert. Zum Teil war der Aufschwung aber auch direkt der religiösen Toleranz des Kaliphen zu verdanken: So suchten viele Juden, in anderen Teilen Europas verfolgt und diskriminiert, in Al Andalus ihre neue Heimat. Ihr Wissen, ihre Kontakte in alle Welt und ihr Geschäftssinn bescherten Handel und Gewerbe einen ungeheuren Aufschwung. Sevilla wurde dabei zum Zentrum des jüdischen Lebens in Al Andalus und mehr und mehr zum Umschlagsplatz für den Handel zwischen Afrika, dem Maghreb und Europa.
Ein goldenes Zeitalter für alle Menschen in Al Andalus schien angebrochen. Anderswo jedoch arbeitete ein gerissener Kaufherr daran, dieses so schnell wie möglich zu beenden.